Veteranengeburtstage

Hallo Leute,

da schreibe ich mal wieder. Ich war in letzter Zeit etwas unproduktiv geworden. Der Winter kann hier schon sehr grau sein und befluegelt nicht gerade zu geistigen Hoehenfluegen. Den folgenden Eintrag habe ich groesstenteils schon vor einigen Wochen geschrieben, doch wurde ich damals mitten im Satz vom gefraessigen Lethargiemonster ueberfallen und konnte den Eintrag nie zu Ende schreiben.

Der Anlass dieses Eintrages ist ein Abend im spaeten November. Da wurde naemlich unser Boss 40. Oder 41. Je nachdem, wo man ist. Das chinesische Alter unterscheidet sich naemlich insofern vom "normalen" Alter, dass man hier bei der Geburt ein Jahr alt ist. Als er uns dann im Verlauf des Abends seinen chinesischen Ausweis zeigte, haben wir uns sehr gewundert, wieso einem solchen runden Geburtstag nicht mehr Bedeutung beigemessen wird. Aber der Jahrgang 1967 wurde 2007 in China ja 41.
Das Interessanteste war jedoch der Kreis in dem er feierte. Da er eigentlich in einer anderen Stadt wohnt und dort seine Familie lebt hat er dann gestern mit einigen seiner Beijinger Freunden gefeiert. Das besondere daran ist, dass er Auslaender kennt und mit ihnen befreundet ist. Normalerweise vermischen sich Auslaender und Chinesen ueberhaupt nicht im Privaten. Die Sprache ist natuerlich ein Grund aber auch das generelle Konzept von Freizeit ist hier ganz anders.

Ich weiss, das ich gerade abdrifte, aber dies ist gerade eine Gelegenheit, eine Beobachtung anzumerken, die mich schon laenger fasziniert. Abgesehen von einigen reicheren Exemplaren haben die Chinesen naemlich meines Erachtens nach kein wirklich Bewusstsein von Freizeit und dessen Gestaltung. Da ich hier ein FSJ ableiste, esse ich in der JH und wohne auch in der JH. Da mein chinesisch immer noch nicht wirklich fuer laengere geistreiche Gespraeche reicht (wobei ich schockierenderweise oefters hoere, dass das generell ein Problem bei mir ist habe ich natuerlich Probleme, mit Chinesen, die in der regel kein Englisch koennen Spass zu haben.
Ich kenne aber einige Auslaender, mit denen ich mich manchmal treffen kann und am Wochenende ausgehe und lerne auch oft interessante Gaeste in der Herbergsbar kennen. Ausserdem versuche ich mindestens jeden 2ten Tag Sport zu treiben und halt irgendwie rauszukommen.

Aber meine Mitarbeiter sind da irgendwie anders. In der Freizeit, die Sie haben, gehen Sie meist immer zurueck an ihren Arbeitsplatz und unterhalten sich mir ihren Kollegen, die grade arbeiten. Ich habe es wirklich in 4 Monaten noch nie erlebt, dass Sie mit freunden irgendwohin gehen wuerden. Das hoechste der gefuehle scheint der Einkauf im Supermarkt zu sein, um neue Sachen wie Shampoo o.ae. zu kaufen. Ich sage nicht, dass Sie keinen Spass haben. Hier in der JH wird viel gelacht! Vielleicht liegt es auch daran, dass sie ebenfalls in der JH leben, aber ich habe noch nie erlebt, dass sie abends ausgehen, oder tagsueber was mit freunden ausserhalb der Jh machen, ja, um ganz ehrlich zu sein, mit Ausnahme meines Bosses habe ich hier noch niemanden Alkohol trinken sehen.

Insofern verlief der geburtstag, um jetzt mal nach diesem Umweg wieder auf die Haupterzaehlstrasse zurueckzufinden, besonders. Anfangen tat der abend naemlich mit einem schock! Normalerweise ist es so, dass Auslaender praktisch gar kein chinesisch sprechen, und verstaendigung mit chinesen insofern per se unmoeglich ist. Und ohne mich selbst zu loben spreche ich mich 2,3 Ausnahmen das beste chinesisch, das ich von einem Auslaender gehoert habe hier in China. Diese 2,3 Ausnahmen lernte ich an diesem Abend kennen. Es waren 3 Englaender und ein Australier, die alle mehr oder weniger im Hostelbusiness zu tun haben und somit meinen Boss kannten. Mit einer Ausnahme lebten sie auch schon ewig und 3 Jahre in China, und deswegen war es natuerlich logisch, dass sie gut chinesisch sprechen. Normalerweise wird diese logische These aufs tiefste erschuettert, wenn ich wieder mal ignorante menschen kennenlerne, die trotz jahrenlangem Aufenthalt nur ein paar brocken Chinesisch sprechen. Aber wie gesagt, an dem Abend wurde ich positiv ueberrascht.

Nachdem sich alle einfanden - Englaender sind naemlich im Gegensatz zu Chinesen und Deutschen sehr unpuenktlich (und ich bin mir hier der verallgemeinerung vollkommen bewusst) - gingen wir in ein kleines Restaurant. Und obwohl wir 5 Westler und nur 2 chinesen (der junior-boss war auch dabei) waren, unterhielten wir uns mehr oder weniger auf chinesisch und assen auch chinesischstyle. Das bedeutet: Der Gastgeber bestellt Unmengen an Gerichten, die dann recht schnell (man muss hoechstens 5 Minuten auf das erste gericht warten) kommen, bis der ganze tisch mit diversen tellern, schuesseln, Pfannen, Woks und anderen Kuechenbehaeltern, die halbwegs zur essensaufbewahrung taugen, uebersaeht ist. Dann wird reingehauen. sobald ein teller fast aufgegessen ist muss(!) ein neuer teller mit dem gericht nachbestellt werden. Weil nichts bringt einen schneller auf den Yin&Yang-Highway to Hell, als seine Gaeste nicht satt zu kriegen. Gesicht wahren heisst das auf soziokulturellem Fachchinesisch. Dazu kriegt jeder noch ein Bier und als i-Tuepfelchen noch Baijiu fuer die ganze Runde.
Mir ist bewusst, dass ich eigentlich einen ganzen Beitrag zum Thema Baijiu schreiben koennte, aber ich umreisse es nur mal: Baijiu, was man mit Reiswein oder Weisswein uebersetzen kann wird oft liebevoll als chinesischer-wodka-nur-doppelt-so-stark oder kurz fluessiger Tod bezeichnet und die Konsumenten, deren Geschmacksnerven dieses biologische Ethanol-Armageddon ueberlebt haben beschreiben den Geschmack als "Mischung zwischen Whisky und kerosin". Um es kurz zu sagen: Ein Nationalgetraenk mit Stil.
Leider verlaeuft das trinken nicht wie das essen. Beim essen ist man ja nicht gezwungen, mitzuessen. Hebt jedoch der Gastgeber (oder irgendwer anders) das Glas, dann heisst es "ganbei". Woertlich uebersetzt bedeutet das "trocken Glass" und gibt somit Aufschluss ueber die Bedeutung dieses Ausspruches. ich war jedenfalls froh, keine plaene mehr gehabt zu haben spaeter. Aber man hoert immer wieder von Geschaeftsessen, wo nicht-akklimatisierte, ahnungslose Westler bei geschaeftsmittagessen morgens um 11 zum ersten mal mit Baijiu konfrontiert werden und am Abend des naechstes Tages aufwachen und nicht mehr wissen, wo unten und oben ist und wenns schlimm kommt, sogar nicht mal mehr, WAS oben und unten ist.
Nachdem wir also ueberfressen und vollkommen leicht angeheitert zurueck zu unserer JH gingen ging die Party erst richtig los. Wir weihten unsere Bierzapfanlage ein, die ein zentraler Bestandteil meines zukuenftigen Abendprogrammes werden wuerde und dann wurde schoen weitergefeiert. Man koennte fast sagen, wir wollten die neue Anlage im Dauerbetrieb auf Herz und Nieren und dabei auch noch unsere Leber testen.

Bis jetzt war der Abend sogar noch chinesisch. Essen gehen und dann einfach weitertrinken. Aber irgendwann machten wir uns dann auf zu einer Bar. Eine Bar, wie ich sie noch nicht gesehen habe. Sie hiess Sports bar, und wenn eine bar so heissen darf, dann diese. In einer riesigen Halle gab es Live-Musik und verstreute Bars und ueberall dazwischen Sportanlagen. Kickertische, Tischtennis, Wandschiessen, ein eingezaeuntes Basketballfeld, eine eingezaeunte Baseballmaschine und noch viel mehr. Ich schaetze, man kann dort auch ohne alkohol spass haben, aber mit alkohol war das einfach nur der Börner. Es war sogar recht erstaunlich, wie koordinationsfaehig man(che) noch sein koennen nach soviel alkohol. Wir haben 2 gegen 2 basketball gespielt und eine lustige nacht gehabt, bis wir dann um 3 irgendwann nach hause sind.
Doch dann kam der Schock. Am naechsten tag um 7.30 morgens klingelt der Wecker!!!

Jedenfalls glaube ich, dass er geklingelt hat, aber als ich um punkt 10.30 sehr verkatert anderthalb stunden zu spaet zur arbeit erschien, war mir so, als waere irgendwann im traum ein klingelgeraeusch vorgekommen, was dann aus kulanzgruenden vom gehirn verdraengt wurde. Das Unglaubliche war, dass meine beiden Chefs, obwohl doppelt so alt, vollkommen vital vorm Computer sassen, sich des Lebens erfreuten und mich nur auslachten, als ich - so aussehend, wie ich mich fuehlte - ins buero schleppte.
Baijiuveteranen halt!

Ich weiss nur eins: Das schreit nach Revange!

6 Kommentare 7.1.08 17:36, kommentieren

Mal was banales

Hey,

da meldet er sich schon wieder diesmal will ich mich aber nicht wieder ausschweifend kolumnenmaessig die Eigenheiten dieser Kultur anprangern bzw. lobpreisen sondern dieses Onlinetagebuch als nun, Onlinetagebuch missbrauchen.

Der Arbeitstag fing recht harmlos an. Check die diversen Websites, bearbeite die Buchungen und ueberpruefe, ob die mitarbeiter das richtig in den computer eingeben. Fuer die sind die westlichen Namen naemlich einfach nur ein zusammenhangloser Haufen von Buchstaben ("Nein, Thmoas ist wahrscheinlich nicht der Name; Iohn Snith auch nicht...und wer zum henker ist Tadlam Toho??". Wieso die mich das von Anfang nicht selber eingeben lassen ist mir ein raetsel.
Dann weiter im programm. Ein bisschen lustlos rumuebersetzen. Erstmal von schlecht-Englisch in lesbar-Englisch uebersetzen. Dann ins Deutsche, Franzoesisch und ich Hornochse habe auf der Bewerbung auch Kenntnisse in Spanisch angegeben...
Und alle 5 Minuten ein Gast, dem man etwas ueber Peking erklaeren kann. Gaeste, die zwar meist nett sind, mich manchmal allerdings an der existenz intelligenten lebens zweifeln lassen. Neulich erst wieder hatte ich das zweifelhafte Vergnuegen mit schlauheittrunkenen Deutschen (ich gebs ja zu, Schande ueber mein Land), denen ich allen Ernstes den Zusammenhang zwischen der auf der englischen Stadtkarte eingezeichneten Metro und dem deutschen Konzept U-Bahn erklaeren durfte. Gut, dass ich nicht zynisch werde.

Aber genug vom Alltagstrott. Denn heute war anders.
Die Sonne schien, die Vogel zwitscherten und alles war in bester Ordnung. PLoetzlich jedoch: Schritte. Ein Raeuspern. Mein Chef! Das langgezogene, nasale Jään. I like you invite lunch; buffet; very good; meet friend.
Inzwischen weiss ich, dass mit Friend einfach anderer Auslaender gemeint ist. Wir sind falls das nicht klar sein sollte alle friends. Oftmals wurde ich schon dazu genoetigt, mit friends beer zu trinken, um etwas Atmosphaere aufkommen zu lassen, wenn besagter Friend alleine in der Bar sass. Schlimm ist es, wenn Deutsche kommen. Dann sind wir alle best friends. Mir schwante also nichts gutes.
Doch alle Befuerchtungen wurden enttaeuscht. Es handelte sich naemlich um die beiden Vizevorsitzenden vom niederlaendischen Jugendherbergswerk. Interessante Persoenlichkeiten. Beide nochmal ein gutes Stueck groesser als ich (eine raritaet fuer mich in china), gebildet, vielsprachig und mit soviel charisma, das man weiss, wieso sie so hohe Posten haben. Da liess sich auch mein Chef, seines Zeichens selber Chef von inzwischen 120 Jugendherbergen in China nicht lumpen und entfuehrte uns in ein nahegelegenes 6-Sterne-Hotel. Genauer gesagt das dazugehoerige Restaurant.
Habt ihr schon mal in einem 6-Sterne Restaurant gebruncht? Ich auch nicht. das beste war, dass ich in meinen ganz normalen Klamotten war. Jeans, Kapuzenpullover, Sportschuhe. der gegensatz zu den anderen fast schon eine Karikatur.
Aber hey, das ist China. Hier koennen sich Auslaender alles rausnehmen. Besonders fuer geld. Sind ja eh alles komische Voegel.
Und dann das Essen. Ein Buffet, das seinesgleichen sucht. Zumindest in meiner erinnerung. Erlesener Tee, dazu jede erdenkliche Fluessigkeit, die ein zweibeiniger Humanoid moegen koennte. Und das Essen. Es war einfach eine Riesenauswahl. 4 lange Theken, wo das Essen direkt vor unseren Augen zubereitet wurde. Wir verhungerten fast, bis wir uns endlich entschieden hatten. Auf meinem Teller befand sich schlussendlich Haenchen in Orangensauce,  Safran-Curry, verschieden zubereitete Fleische, deren dazugehoerige Tiere man nur aus der Exotenecke im Zoo kennt, Walnuss- und Papaya-Pastete, Pizza, die jedem beliebigen italienischen 4-Sterne-koch den Neid in die Augen steigen lassen und als besonderes Schmankerl Kaviar-Sushi. Dazu noch ein japanisches Kaviar-Ei-Cocktail und ein 1974er Merlot. Traum. Jedes einzelne Stueck eine Sensation. Ich habe selten vor so vielfaeltig und vor allem, selten so gut gegessen. Es war wirklich jeden seiner Sterne wert. Nach 2 weiteren Runden, in denen ich mich vor allem auf das unwahrscheinlich leckere Sushi spezialisierte folgte dann als Nachtisch Haifischflossensuppe. Und hey, die schemckt einfach wie von einem anderen Stern. Ich weiss nicht, wie ich es geschafft habe, aufzuhoeren.
Dazu noch interessante Gespraechspartner, bei denen ich mir echt dachte: Ok, die haben Geld; die bewegen was. Die haben echt wichtige Entscheidungen getroffen und mir wieder mal eine Lehrstunde in wahrscheinlich einer der wichtigsten Erkenntnisse der Welt gegeben. Das meiste erreicht man nach wie vor durch ebensolche persoenliche Beziehungen. Erzaehlt es keinem, aber es scheint, als ob der Sohn des China-Chefs nach seinem Studium in england wohl bei denen in Holland unterkommen koennte. Darauf wurde jedenfalls angestossen. Und im gleichen Atemzug ein Lob auf mich, der mit 19 einfach so nach China kommt, um hier zu arbeiten und schon soo gut chinesisch kann. Lob hoert sich immer am besten an, wenn es aus dem Mund des Chefs und seinesgleichen kommt

So unvermittelt, wie das Mittagessen jedoch kam, so schnell ging es auch wieder vorbei und jetzt sitz ich wieder hier vorm PC, gucke auf das grammatiklose Stueck Englisch vor mir, hoffe, dass die unterbelichteten Deutschen abgereist sind und denke mir insgeheim:

Boah, bin ich voll!

4 Kommentare 29.11.07 09:53, kommentieren

Ueber das Dilemma chinesisch-westlicher Beziehungen

Als ich darueber nachdachte, fuer ein Jahr nach China zu gehen und anfing, mich darueber zu informieren, wie es wohl sein koennte, dort ein Jahr zu leben bin ich immer wieder auf folgende Bemerkung bezueglich chinesischer Kultur gestossen: Das wichtigste ist, nicht das Gesicht zu verlieren und auch, andere nicht das Gesicht verlieren zu lassen.

KLingt irgendwie abstrakt. Klingt nach gegenseitigem Respekt. Und spiegelt wirklich nicht meine Erlebnisse in Peking wieder. Im Strassenverkehr ist sich jeder selbst der naechste und nimmt ueberhaupt keine ruecksicht auf seine Mitmenschen. In Restaurants werden die Kellner behandelt als waeren sie Dreck und selbst hier in der JH im Umgang mit meinen Mitarbeitern wird mir oft genug recht direkt vorgehalten, wie falsch ich doch vieles mache (was dann allerdings zugegebenermassen auf gegenseitigkeit beruht)

Das bringt mich zu dem einen Teil in der chinesischen Kultur, in der dieser Grundsatz Anwendung findet. Leider dort, wo er so fehl am Platz ist, wie...man eben fehl am Platz sein kann: Der Umgang mit Globalisierung und Tourismus, sprich Auslaendern.
Chinesen - und ich bin mir hier vollkommen der Verallgemeinerung bewusst - glauben, sie wuessten, was wir Westler wollen. Und daraus resultieren die grauenhaftesten und vermeidbarsten Dinge. Anstatt IRGENDEINEN beliebigen Auslaender um Rat zu fragen, tun sie hier die gravierendsten Dinge, die wir Westler am Ende gar nicht wollen. Aber niemand kaeme auf die Idee, sein "Gesicht zu verlieren" und einmal das richtige zu tun: Zu fragen, wenn man keine Ahnung hat. Meistens weiss man nicht mal, woher die Chinesen ueberhaupt ihr "Wissen" ueber westliche Wuensche her haben.

Es faengt an beim Fruehstueck im Hotel. Das gibt es praktisch ueberall in 3 Varianten: Amerikanisch, Englisch und kontinental (was immer kontinental bedeuten soll). Oft ist Amerikanisch eigentlich englisch, englisch eigentlich Amerikanisch, manchmal auch italienisch (in Pingyao, so gut die Kueche da auch war, die wollten mir allen ernstes Cappucino, Hash Browns, Bacon und Marmeladentoast als englisch verkaufen) und kontinental...nun, das ist meistens eine Mischung aus Englisch und Resteverwertung.
Und glaubt jetzt nicht, dass ich das nicht zu aendern versucht haette. Doch jedes mal, wenn man es anspricht laecheln sie und denken sich, was nimmt der sich das recht raus, einen Verbesserungsvorschlag anzubringen, wo wir doch besser als er wissen, was er bei sich zu hause fruehstueckt...
Es geht weiter bei der Beschilderung in unserem Hostel. Ich bin hier als auslaendisch-sprechender Ansprechpartner angeheuert worden. Aber glaubt ihr, ich werde einmal zu rate gezogen, wenn hier ein neues Schild aufgehaengt wird. Und da kommen so krude Ergebnisse raus. Oft nur Tippfehler, oft unglueckliche Wortwahl und das eine oder andere mal auch einfach nur eine unverstaendliche wirre Ansammlung von Woertern, aber man kann sich darauf verlassen, das fast immer irgendwo ein Fehler ist - den jeder auch noch so unterbelichtete Westler sofort korrigiert haben koennte. Benutzung des Konjunktivs hier, weil verbesserungsvorschlaege, wie bereits gesagt nicht aufgenommen werden. Wer einigermassen des englischen maechtig ist, kann sich hier ein wenig amuesieren: http://www.flickr.com/groups/chinglish/pool/

Der schlimmste Auswachs dieser Einstellung spielt sich allerdings in einer viel groesseren Dimension ab. Wenigen von euch wird der Begriff Hutong etwas sagen. Und wenn man die aktuelle Entwicklung betrachtet scheint es auch unwahrscheinlich, dass viele von euch jemals erfahren werden, was das ist. Eine Hutong ist eigentlich nur eine ganz normale Strasse. Wobei man normal in Anfuehrungszeichen setzen muesste. "Normal". So. Weiter im Text. Peking besteht naemlich seit mindestens 600 Jahren aus einem engen, quadratischen gepflecht von kleinen Strassen und Gassen. Zwar sind viele schmutzig, die strassen in schlechtem zustand und die haeuser in schlechtem heruntergekommen, aber dafuer haben sie was, was selten geworden ist in peking: Charakter. Ausrufezeichen! Absatz

Man geht durch diese Strassen ist umgeben vom lauten leben der chinesen. man denkt sich: wow, das ist china, so habe ich mir das vorgestellt. hier vereinigt sich wirklich alles, was man an china schoen finden kann. die architektur ist einfach, aber kreativ und alles ergibt irgendwie ein gesamtwerk. ich habe wirklich einige lieblingshutongs, in denen ich jedes mal eine leichte gaensehaut kriege und sich jedes mal merklich meine laune verbessert, weil sich dort mehr als irgendwo sonst das gefuehl durchringt: ich bin in china, fort von zu hause, aber dort, wo ich seit so langem schon hinwollte.

Leider sehen das nicht alle so. zwar wuerde mir jeder pekingreisende sofort und ohne zu zoegern zustimmen, dass die hutongs das mit abstand schoenste in ganz peking sind und in ihrer imposanz nur von der grossen mauer ausgestochen werden koennen, aber die staedtebauer und boesen sontigen boesen maenner an den schalthebeln sehen das anders. Westerner wollen das nicht. Sie wollen riesige hochhaeuser wie bei sich zu hause, damit sie sehen koennen, wie modern und offen china doch ist. Das ist vollkommen klar; das weiss man, ohne sie zu fragen. das resultat: Angefangen bei ca. 2000 Hutongs im mittelalter wurde die groesste zahl in den 1950ern und 1960ern erreicht. 6000 waren es. doch dann kam das jahr 2001. ein schreckensjahr fuer pekinesische kultur: die zusage fuer die olympiade 2008. seit ca. 2004 laufen die konstruktionen auf hochtouren und jedes jahr werden ueber 1000 hutongs dem erdboden gleichgemacht und durch riesige quadratische bloecke ersetzt.  mittlerweile betraegt die anzahl weniger als 2000 und ich bezweifele, dass nach der olympiade von einigen fuer den tourismus hergerichteten hutongs abgesehen ueberhaupt noch welche zu finden sind.

china schaufelt der globalisierung das eigene grab fuer seine kultur, weil es denkt, dass wir westlichen das wollen und verstehen nicht, dass wir genau den teil wollen, den sie zerstoeren. das liess sich auch in pingyao gut sehen, wenn man die altstadt und neustadt vergleicht, da irgendjemand dort so intelligent war, die altstadt unveraendert stehenzulassen. ich habe jetzt auch ein paar bilder von pingyao hochgeladen. nur eins aus der neustadt sogar, und das war sogar noch der angenehmere teil, aber ich war als erholungssuchender dort und nicht als dokumentarfotograph.

Ich hatte nicht vor, so pessimistisch zu sein, aber das musste einfach mal raus. wenn also einer von euch zufaelligerweise interesse hat, original peking zu sehen, ich habe noch ein zimmer frei

P.S. Wer sich ein bisschen weiter ueber hutongs informieren moechte und einige bilder ansehen will, dem kann ich google und folgende seite emfpehlen: http://www.hutongphotography.com/

2 Kommentare 28.11.07 04:15, kommentieren

Flucht

Hallo allerseits,

da melde ich mich mal wieder nach etwas laengerer Abwesenheit. Ich habe mir naemlich euren Rat zu Herzen genommen (danke noch einmal fuer die positiven Rueckmeldungen) und bin prompt in ein kreatives Loch gefallen - wenn das mal kein gutes Omen fuer eine herausragende Schriftstellerkarriere ist

Unter anderem deswegen bin ich dieses Wochenende also weggefahren. Nach Pingyao - um dem grauen Pekinger Alltag zu entfliehen. Das ist sogar ganz woertlich gemeint. Peking ist im Hochsommer und Winter keine Offenbarung. Smog und Gestank sind in dieser Zeit die beiden prominentesten Pekinger Dauergaeste.

Die Erklaerung ist recht simpel und traurig. Im Hochsommer ist es knallheiss - 18 Millionen Pekinesen schmeissen die Klimaanlage an; im Winter ist es...hinternkalt - die gleichen Pekinesen die sich im Sommer so extensiv gekuehlt haben wollen sich jetzt waermen. Und da die Kraftwerke - strategisch sehr guenstig gelegen - direkt an die Vororte angrenzen wabern die Abgase praktisch der Waerme hinterher. Direkt zu uns. Pri-Ma. Als wollte sich Gott dafuer nochmal extra raechen hat er an 3 Seiten von Peking Berge hingestellt, sodass die Suppe solang wie moeglich im schachbrettflachen Peking verweilt.

Aber wie gesagt, diesem grauen Alltag galt es zu entfliehen. Also schnappte ich mir die 2 naechstbesten Freunde, die bei 3 nicht auf den Baeumen waren und nahm mit ihnen am Freitag den Nachtzug von Peking nach Pingyao. Allein die Fahrt zum Bahnhof war schon...erlebnisreich. Normalerweise ist die Strecke von meiner Jugendherberge zum Bahnhof mit einem Taxi in 15 Minuten zu bewaeltigen. Wir vergassen leider die ca. 3 Millioenen Wanderarbeiter, die sich zu der Zeit ebenso auf dem Weg zum Bahhof befanden. Wir stiegen in ein taxi und nach 10 Minuten Stillstand stiegen wir direkt vor der verbotenen Stadt mitten auf der Strasse aus und gingen in die U-Bahn. Um es mit einem Satz zu sagen: ich habe selten eine solche Menschenmasse gesehen. Obwaohl die U-Bahn schon ueberfullt war versuchten in jeder Station nochmal 1000 Leuten hineinzukommen. Wir hatten es zwar geschafft uns unter unfairer Zuhilfenahme des Groessenunterschiedes hineinzuquetschen, aber als in einer grossen Umsteigestation 25 panische Chinesen auszusteigen versuchten, konnte ich mich nur noch mit aller Kraft festhalten, weil der Rest des Koerpers einfach mitgespuelt wurde. Das war ein unbeschreiblicher Moment. Die Kraft dieser Menge, die einen einfach fortreisst!

Irgendwann sassen wir dann zum Glueck im Zug. Wir hatten uns - aus Fahrkartenverfuegbarkeitsgruenden (ich liebe deutsche Sprache) - dafuer entschieden, Sitzplaetze zu nehmen. 1200 Kilometer; 12 Stunden; 6 Euro 70!! Aber um es kurz zu beschreiben: Die Sitze waren definitiv fuer Chinesen gebaut und nicht fuer Westler. Die letzten 6 Stunden musste ich meine Schulterblaetter einziehen, weil sich aus allen moeglichen Richtungen wildfremde Chinesen anlehnten.

Ich war - welche Wunder - schon erleichtert, als wir dann am Samstagmorgen endlich in der Jugendherberge ankamen. Die Jugendherberge gehoerte ebenfalls meinem Boss in Peking, sodass ich herzlich begruesst wurde als "der neue Deutsche". Kostenlose unterkunft wollten sie mir aber trotzdem nicht geben. Heuchler Aber wie bereits gesagt, eine Nacht in einer chinesischen Jugendherberge bewegt sich im Rahmen von 3-6 Euro. 3 in unserem Fall...

Es waere glaube ich viel zu langweilig, ueber meinen Aufenthalt in Pingyao hier chronologisch oder was-weiss-ich-ologisch zu erzaehlen. Es ist besser, zu schreiben, was Pingyao eigentlich ist. Pingyao - um es in einem simplen, unlogischen Satz zu sagen - ist original China, wie es nirgendwo in China existiert. Es gibt eine sehr grosse bestadtmauerte Altstadt, wo kein modernes Gebaeude steht, keine Leuchtreklame das Flair zerstoert und auch sonst alle typischen Charakterisitka fehlen, die wie in fast allen anderen chinesen Staedten auf eine ueberstuerzte, kopflose Oeffnung zum Westen hinweisen. Denn obwohl sich inzwischen auch einige Touristen hierher verirren ist Pingyao vor allem eins: eine normale Stadt, in der normale Chinesen leben und wohnen. Man geht einfach durch die Strassen, geniesst die Stimmung, betrachtet die authentische Architektur und denkt sich: Ja, so koennte China aussehen - ohne ueberschwaengliche Tourismusindustrie und omnipraesente, omniverhaesslichende Schwerindustrie.

Noch interessanter ist jedoch, dass es auch ein neues Pingyao gibt. Ausserhalb der Stadtmauern sieht man den krassen Gegensatz zur Altstadt. Die Luft ist schlecht - in der Naehe des Bahnhofs ist sie sogar so schlecht, das sich selbst Chinesen die Aermel als Mundschutz vor den Mund halten. Ueberall qualmt es, die Strassen sind voll von laermenden, schmutzigen Fahrzeugen, aus kleinen Friseursalons und Kleidergeschaeften kommt ohrenbetaeubende Technomusik, die einen das Weite suchen lassen und Neonreklametafeln versuchen selbst fuer die schaebigste Bude noch irgendwie Kunden zu gewinnen.

Die Devise war natuerlich: Sofort umdrehen und zurueck in die Altstadt. Aber nach 3 Tagen in der Pingyaoer Altstadt aenderte sich die Devise leider und wurde abgeloest von: Auf zum Bahnhof. Da wir unsere Lektion von der Hinfahrt gelernt hatten, buchten wir Betten fuer den Weg zurueck. 13 Euro 50. Wucher!

Die Betten waren sogar ganz ok. Sie hatten zwar recht harte Matratzen aber dafuer - ich haette es nicht fuer moeglich gehalten - ausreichend Laenge um einen ausgewachsenen Jan Hoefer zufriedenzustellen. Der Wermutstropfen war die Tatsache, dass 5 Minuten nach Abfahrt das Licht ausgemacht wurde - kompromisslos, ohne Vorwarnung. Das merkte Jan, als er 5 Minuten nach Abfahrt grade dabei war, sein Gepaeck zu verstauen. Dem folgte eine improvisierte und extensive Unterrichtsstunde in der Diversitaet deutscher und englischer Schimpfwoerter fuer alle anwesenden Chinesen. Aber da ich den Rest der Fahrt tatsaechlich schlafen konnte und jetzt den Umstaenden entsprechend relativ erholt bin, will ich der chinesischen Bahn mal vergeben.

So, damit waeren wir nun in der Gegenwart angekommen und um diesen Artikel in schoenster "SPIEGEL"-Manier zu Ende zu bringen folgt jetzt der Rueckgriff auf den Anfang des Artikels: Ich bin mental erholt und habe mein kreatives Loch ueberwunden

Na, wenn das mal nichts ist!

3 Kommentare 20.11.07 07:09, kommentieren

Mein Leben im Zoo

"Meine Damen und Herren, jetzt kommen wir zu einer der groessten Attraktionen hier in Beijing. Urspruenglich heimisch auf einem anderen Kontinent ist er relativ neu hier. Ich praesentiere Ihnen :Homo sapiens blancus blondus." [10 Leute drehen die Koepfe]

Klasse, denkt sich Homo sapiens blancus blondus und geht die hauptstrasse weiter.

Guten Tag allerseits.
Da heute ein wirklich schlimmer Tag war, habe ich das dringende Beduerfnis, euch einen weiteren Einblick in mein Pekinger Leben zu geben. Ueber das wohl nervigste an meinem Aufenthalt hier. Leute starren! Diese Tatsache verdient sogar noch ein Ausrufezeichen. Hier: !
Klar war mir vorher bewusst, was auf mich zukommt, und auch alle Deutschen, denen ich vorm Abflug von meinen Plaenen erzaehlte sagten: "hey, ein grosser blonder in land der kleinen chinesen, viel spass."
Aber das es so krass werden wuerde...Anfangs war es ja auch noch lustig. Ich weiss es noch. Es war der zweite Tag in China. Ich hatte bis dato praktisch nur den Jetlag ausgeschlafen und wurde meinem Boss vorgestellt. Dann am zweiten tag bin ich losgestromert, einfach die umgebung erkunden. Ich kam genau 40 Meter weit, dann traf mich der Gedanke, wie modern doch das Fotohandy von dem Typen ist, der da grade auf mich zukommt. Und hey, die Kamera ist auch eingeschaltet und nochmals hey, er dreht sie mir sogar hinterher. verdaechtig, verdaechtig.

Es ist jetzt ja nicht gerade so, dass ich der erste Auslaender bin, den der gesehen hat, und ich bin auch nicht soo heiss, dass man ein video von mir machen muss (bin ich natuerlich, aber tun wir mal so, als wenn nicht). Trotzdem wird man ueberall angestarrt.
Erst ist es eigentlich ganz lustig mit der aufmerksamkeit. Aber nachdem dann zum viertenmal jemand wildfremdes (mit betonung auf wild) auf dich zukommt und dich ohne zu fragen an den haaren anfasst, dann vergeht der spass.
Als ich dann zum ersten mal in die Kantine der arbeit ging, da war es verstaendlich, dass einen alle anstarren, als waere ihnen der allmaechtige hoechstpersoenlich erschienen. Ich bin nunmal der erste auslaendische Mitarbeiter, der je in einer chinesischen Jugendherberge gearbeitet hat.
An Tag 2 und 3 hatte ich auch noch verstaendnis. Schichtarbeit, da haben ja eventuell der eine oder andere noch keinen blick auf den Laowai erhascht. Inzwischen ist aber Tag 23... ...

(Fuer die unter euch, die sich jetzt wundern, weil sie trotz bestandenem Abi immer noch Mathe koennen, ich habe zwischendurch ja die JH gewechselt.)

Dann sitze ich da also beim Essen und werde angestarrt, die ganze zeit. egal in welche richtung ich gucke, ich gucke in mindestens ein augenpaar. selbst wenn ich sie angucke, senken sie den blick nicht, sondern gucken unverbluemt weiter.

Beijing ist jetzt noch nicht so touristisch, wie das vielleicht europaeische grossstaedte sind, und die touristen gehen meistens in den chinesischen menschenmassen unter, aber trotzdem muessen sich die chinesen doch als gesellschaft langsam damit abgefunden haben, dass es auslaender gibt. Ich erinnere mich noch an das Vorbereitungsseminar vor meinem Auslandsjahr in der 11. Klasse, wo uns erzaehlt wurde, dass wir darauf vorbereit sein muessen, dass uns fragen a la "ihr habr echt schon fernsehen/fliessend wasser etc.?". Manchmal denke ich, Austauschschueler nach China muesste man eher auf Sachen vorbereiten wie "ihr koennt sprechen?" oder "das ist ein rad, es dreht sich". Danke, da wissen wir auch schon seit 6000 Jahren. Ich habe mich frueher schon beschwert aber aufgrund kontinuierlicher ereignisse in letzter zeit muss ich mich nochmal beklagen. Die Chinesen sind in ihrer Ignoranz gegenueber dem Ausland noch schlimmer als der Klischee-amerikaner (amerikaner sind alle umsichtig und weltbewusst dagegen). Ich moechte jetzt an dieser stelle nicht beurteilen, inwiefern sie selber schuld sind oder inwiefern die regierung restriktiv ist, aber es ist krass.
Es gibt Starbucks und KFC und McDonalds. Aber selbst McDonalds hat hier einen chinesischen namen, sodass der durchschnittschinese nichts versteht, wenn man nach McDonalds fragt. Es wuerde mich nicht wundern, wenn es Leute gibt, die glauben, dass das ne chinesische Erfindung ist.

Aber ich schweife vom Thema ab. Eigentlich geht es mir hier ganz gut. Nachdem es 2 wochen gedauert hat, das eis zu durchbrechen sind die ganzen chinesischen mitarbeiter inzwischen sehr herzlich zu mir. Von aussen wirken sie sehr distanziert, und dass sind sie auch. Dem auesseren gegenueber. Aber hinter der harten schale verbirgt sich der beruehmte weiche, herzliche Kern.
Zwar reden wir die meiste zeit aneinander vorbei, weil mein chinesisch noch nicht so gut ist, und die chinesen so verflixt schnell reden. selbst auf nachfrage kann ich sie nicht stark genug verlangsamen, um sie zu verstehen. aber dadurch verbessert sich mein chinesisch schon erheblich. Langsam aber sicher komme ich hier an!


Ich sehe es allerdings jetzt schon bildlich vor mir:
"Und weiter auf unserer Fuehrung. Als naechstes sehen sie eine noch seltenere unterart des homo sapiens blancus blondus. es ist der nicht fuer existent gehaltene homo sapiens blancus blondus chinesosprechus sehrgenervtus"

Prost!

 

3 Kommentare 30.10.07 14:57, kommentieren

Ueber Heimwehgefuehle und Kolonialwarengeschaefte

Gestern habe ich es getan. Ich wusste, es wuerde ein Fehler sein, ja die Vernunft schrie mich geradezu an, aber es war mir egal.
Gestern war ich in Deutschland - genauer gesagt, little Deutschland. Bestehend aus einer Konzentration deutscher Kultur zwischen 2 Strassenecken. Es war sogar nicht einmal Zufall. Am Freitag hatte ich zufaellig in Sanlitun - Botschaftsviertel bei Tage, Kneipen-Discoviertel bei Nacht - eine Gruppe 17-jaehriger Schueler der deutschen Botschaftsschule getroffen, und vielleicht lag es daran, dass ich schon laenger aus Deutschland raus bin oder dass sie einfach beknackt waren, aber irgendwie waren die vollkommen verzogen. Das liegt wahrscheinlich an den Gehaeltern die ihre Vaeter beziehen und den Lebenserhaltungskosten hier in Beijing.
Nachdem das Wochenende also schonmal so deutsch eingestimmt wurde und der Samstag dann aufgrund uneingeladenen Besuches der "maennlichen Katze" etwas...inaktiv ausfiel fuhr ich Sonntag morgen um 14:00 Richtung little Germany. Der Weg fuehrte mich ironischerweise genau an der Bar vom Freitag vorbei, nur wehten jetzt ueberall Flaggen, die man bei Nacht nicht sah. 200 Meter weiter die deutsche Botschaft. Ich habe vor ein paar Tagen auch erfahren, dass es hier zur Adventszeit Weihnachtsmarkt geben soll. Mit Gluehwein, Mandeln, Schokobananen und - wie ich mal ganz kuehn zu vermuten wage - einer groesseren Menge anderer Exildeutscher.
Nochmal ein, zwei Kilometer weiter dann die deutsche Botschaftsschule samt Kindergarten, wo die kleinen Pinkelnelken jetzt gerade wahrscheinlich sitzen. muhahaha. Direkt gegenueber das Lufthansacenter, so wie ich das verstanden habe eine der ersten grossen auslaendischen Einkaufszentren. Mein eigentliches Ziel war die German Bakery. Die sei, laut Internetforen, sehr gut und auch preislich im deutschen Rahmen. Als ich sie nach viel hin und her dann hinter dem Paulaner Braeuhaus fand war aber leider schon fast alles ausverkauft und auch die Preise waren nicht gerade moderat. Aber trotzdem, eine Brezel ergatterte ich noch und Herr im Himmel, die war gut Als ich danach leicht enttaeuscht im Komplex herumstromerte ging ich ins paulaner und freute mich erst ob der wirklich gelungenen Einrichtung, die wirklich etwas Bierstubenscharm verspruehte. Leider verspruehte sie auch den deprimierenden Duft des Kommerzes denn ein Hefe wuerde mich dort anderthalb Tagesgehaelter kosten, aber trotzdem, da muss ich bald mit meinen englischen Freunden hin und ihnen zeigen, was ein deutsches Bier ist. (Andererseits kann man fuer den Preis von 3 Bieren schon wieder einen Wochenendausflug in die Innere Mongolei machen - inklusive Zug, Uebernachtung und Essen)
Der Hoehepunkt in Little Germany war dann jedoch ein Supermarkt. Wobei mir beim Betreten unweigerlich der Begriff Kolonialwarenmarkt eingefallen ist. Sie hatten echt aus allen Ecken Europas ein bisschen Essens und Trinkkultur zusammengetragen. Ihr wisst nicht, wie nah man einem Haulkrampf kommt, wenn man nach so langer Zeit wieder Ritter Sport, Lindt, Erdinger, warsteiner, Moselwein, Rosinenschnecken und Konsorten sieht. der Heulkrampf kommt aber erst bei den Preisen, das zweite Indiz, was bei diesen Begriff Kolonialwarenladen in den Kopf rief. Nachdem ich also lange rumgeschlaendert bin kaufte ich mir alles, was ein volles Tagesgehalt hergeben wuerde. Was, zugegebenermassen nur eine Flasche Erdinger und ein paar Rosinenschnecken und Schokocroissants waren:/
Aber ich hatte mich wirklich fuer eine Stunde wie in Deutschland gefuehlt, und dass eben nicht nur wegen der vielen Deutschen, die man sah, sondern auch einfach wegen der Stimmung und zugegebenermassen all den schoenen sachen die man kaufen konnte. Und irgendwie ja, da denkt man sich schon, meine Guete, wie gerne waere ich jetzt in Deutschland.
Naja, jetzt bin ich jedenfalls wieder ins chinesische Leben eingetaucht, und habe mir geschworen, so schnell nicht wieder dahin zu gehen.

Einfach schon weil ich geizig bin.

3 Kommentare 22.10.07 04:20, kommentieren

Ueber Selbstdarstellung und realmarktwirtschaftliche Preispolitik

Guten Morgen, nachmittag, Nacht oder was immer eure Uhren gerade anzeigen,
nach gut 2 Wochen mal wieder ein Lebenszeichen. In diesen 2 Wochen hat sich doch eine Menge ereignet. Wie mich mein lieber Papa auf vaeterlich-hilfsbereite Weise aufklaerte, war der Grund, weswegen China letzte Woche (fuer chinesische Verhaeltnisse) auf dem Kopf stand der Jahrestag der "Gruendung Chinas". Wenn man sich anguckt, wie sich die chinesische Regierung gerade zu dieser Zeit selbst feiert, dann entsteht unweigerlich dieser Eindruck
Am Montag war ich dann mit einer chinesischen Mitarbeiterin auf dem Tiananmen (fuer die, die es vergessen haben, der grosse Platz in Peking Mitte, direkt gegenueber der verbotenen Stadt - das Wahrzeichen Pekings). Zusammen mit schaetzungsweise 200 Millionen Milliarden Zillionen anderen Menschen. ... Ok, nicht ganz so viele, aber eine Millionen koennten es schon gewesen sein, da der Platz schon so ein Drittel bis ein Viertel voll war (und in der tragischen Nacht im Jahr 1989 waren es so um die 4 Millionen).
Der Platz war schoen geschmueckt und ueberall standen kleine, kitschige Wahrzeichen Chinas herum. Eine be-neon-te chinesische Mauer, eine Pagode, ein olympisches Stadion und noch so ein paar Bauten...

Wer sich meine bisherigen Fotos genau betrachtet hat, der wird sich erinnern, dass am Vordereingang der verbotenen Stadt ein riesiges Bild von MaoZeDong haengt und daneben ein Schriftzug mit den Worten: 中华人民共和国万岁 zhonghuarenmingongheguowansui, was soviel bedeutet wie "Die VR China lebe hoch", wobei "lebe hoch" auch mit "10000 Jahre alt" uebersetzt werden koennte. Ein anspruchsvolles Ziel, wenn man bedenkt dass andere tausendjaehrige Weltreiche oft schon etwas frueher - manchmal schon nach 12 Jahren - einknickten...
Auf jeden Fall war in dieser Woche zu Feier des Reiches als eine Art Ergaenzung ein weiterer Schriftzug direkt gegenueber auf dem Tiananmen angebracht. Mit Schriftzeichen (die die meisten von euch eh nicht anzeigen geschweige denn lesen koennen) kann ich euch leider nicht versorgen, aber er beschwor jeden guten Chinesen sich zu freuen, dass er in der VR China leben darf und dass das wichtigste Ziel aller Chinesen ist, den Kommunismus zu preisen und nicht von dessen guter Entwicklung abzuweichen. War schon eine eindrucksvolle Sache, wenn man sich davor nochmal ein paar Hunderttausende Chinesen vorstellt, die sich alle mit dem Schriftzug im Hintergrund fotografiren lassen wollen. Vielleicht war es ja zur Beglueckung der Fotojaeger, dass die Lettern um die 20-30 Meter gross waren, sodass man die Fotos schon aus einem Kilometer Entfernung schiessen konnte.
Sonst habe ich allerdings leider nicht so viel von den Feierlichkeiten mitgekriegt, da nationale Feiertage gastronmisch gesehen von Natur aus nicht gerade Ausruhtage sind...

Ich weiss noch, wie ich ganz am Anfang sehr aufgeregt und euphorisch war, weil ich so tolle Leute kennengelernt habe und inzwischen bin ich bei der Erkenntnis angelangt, dass ich entweder zu euphorisch bin oder es definitiv zu viele interessante Leute in Beijing gibt. Ich habe hier so tolle Gespraeche und erweitere meinen Horizont . Nur zum Beispiel habe ich mich neulich mit einem Englaender verquatscht, der - obwohl studierter Anwalt und Mitte 40 - es vorzieht, immer 2-3 Monate durch Europa zu tingeln und Poster zu verkaufen, bis er genug Geld zusammenhat, um wieder 6 Monate zu reisen. Nicht, dass ich das jetzt vorhaette (dafuer gefaellt mir Jura einfach nicht gut genug *g*), aber als er von seinen Reisen erzaehlt hat, bin ich schon neidisch geworden. Ich habe auch sehr viele Leute getroffen, die schon ein paar Mal mit der transsibirischen Eisenbahn gefahren sind und ich habe mir geschworen, dass ich das auch irgendwann sehr bald mal machen muss, weil es so unglaublich schoen ist und inklusive Verpflegung, Visa und Flug nach Moskau nur geringfuegig teurer ist als direkt zu fliegen.

Am Montag bin ich jetzt, nach sehr viel Verzoegerung, in die neue JH gezogen. Ich habe jetzt ein Einzelzimmer (whey), aber dafuer kein Telefon auf dem Zimmer (ouh). Die neue JH ist sehr viel kleiner, nur ca. ein Drittel so gross vielleicht. Aber dafuer ist die Hoffnung, dass das hier ein sehr gemuetlicher, lebendiger, frunedlicher Ort wird. In der alten JH hatten alle Auslaender immer gesagt, dass die JH zwar eigentlich fast perfekt ist, nur dass sie eben zu gross ist und keinen Charakter entwickeln kann und die Atmosphaere irgendwie kalt sei. Ich werde alles daran setzen, dass das hier anders wird.
Was auch an dieser JH lustig ist: Ich habe mich ja frueher beschwert, wie schlecht die Leute in der alten JH Englisch koennen. Nuuunja, das ist hier jetzt nochmal sehr viele Ligen schlechter Es gibt hier nur um die 10 Mitarbeiter wenn es hoch kommt und von denen sprechen 0,5 Englisch. Es gibt hier also einen Mitarbeiter, mit dem ich mich auf gebrochenem Englisch unterhalten kann. Aber die tatsache, dass wir die meisten Saetze auf Englisch anfangen, nur um dann ins Chinese zu wechseln, da wir das beide besser sprechen, koennte man jetzt auf ganz unarrogante Weise doch als Indiz werten, dass mein Chinesisch besser ist als sein Englisch. Prost! So toll, dass jetzt klingt, ist das nicht.  Es heisst eigentlich nur, dass ich 90% Bahnhof verstehe. Das ist eine ganze Menge Bahnhof, wenn man bedenkt, dass ich hier arbeite Ist aber ok, meistens koennen wir uns dann doch irgendwie verstaendigen, wenn wir unseren kommulierten Chinesisch-Englischen Lernwortschatz zusammenwerfen und uns daraus ein Informationsgebilde bauen (Das Ergebnis einen Satz zu nennen, waere eine Beleidigung fuer jeden auch noch so schlechten anderen Satz). Deswegen bin ich jetzt schon 2,3mal zurueck zur alten JH um mit den Arbeitern dort zu schwaetzen, weil ich deren Chinesisch schon gewohnt bin, und die dort verglichen mit hier "mittelmaessig" Englisch sprechen (Auch das eine schmerzhafte Dehnung des Wortes "Mittelmaessig".

Gestern war ich dann - um mal langsam zu einem Ende zu finden - auf einem Shoppingmarathon. Zumindest fuer maennliche Verhaeltnisse. Ich habe mich gestern naemlich mit Elektronik zugedeckt. Ich verliess die JH mit dem Wunsch, ein Handy und einen sprechendes elektronisches Woerterbuch zu kaufen - mit umgerechnet 80Euro in der Tasche.
Und siehe da, nach vielem Hin und Her gelang es mir, ein Woerterbuch zu finden, dass zwischen Englisch, Franzoesisch und Chinesisch hin und her uebersetzen kann, die Woerter auf Wunsch sogar aussprechen kann und nebenbei auch noch schnuckelig aussieht. Insgeheim hege ich naemlich immer noch den Wunsch, irgendwann mal mein Franzoesisch vom Dachboden runterzuholen, es abzustauben und um es dann in einem laengeren Frankreichaufenthalt zu neuen Hoehen zu verhelfen
Als ich mich dann final fuer das Teil entschieden hatte und ich mich nach dem Preis erkundigte blieb mir die Spucke weg: 80 Euro?? Zwar wuerde ich fuer das Ding in Deutschland um die 200 bezahlen, doch wenn mich 6 Wochen China Eines gelehrt haben, dann, dass alles relativ ist, besonders die Preise. Hier kann man selbst in den grossen Kaufhaeusern und Markenlaeden wie ein Bloeder feilschen. Ja, man muss sogar, sonst bezahlt man das 3- bis 6-fache des Preises. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich mir vorstelle, wie ich - chinesisiert und zurueck in Deutschland - bei Aldi an der Kasse um eine Flasche Milch feilsche:D
Als ich die gute Frau dann auf 45 Euro runtergehandelt hatte kaufte ich das Ding dann auch. Ich muss schon sagen, dass Einkaufen viel befriedigender ist, wenn man wie ein Kranker den Preis gedrueckt hat. Danach hatte ich allerdings nicht mehr viel Energie fuer das Handy und suchte mir ein 45Euro Handy aus, dass ich dann fuer den Rest meines Geldes - 35 Euro bekam.
Jetzt werde ich gleich mit meinem 0,5-Englisch-Mitarbeiter aus der neuen JH in eine Seitenstrasse gehen und mir dort eine Karte kaufen. Leider muss ich fuer alle Handyinteressierten unter euch mal angeben und die Kosten hier niederschreiben. Ich kaufe mir die Karte fuer 3 Euro, dann kann ich sie aufladen. Ich habe 120 Frei-SMS pro Monat und bezahle nichts fuer eingehende Anrufe (normal bezahlt man fuer ausgehende und eingehende gleich viel), und dafuer werden mir pro Monat 2 Euro als eine Art Grundgebuehr von der Karte abgezogen. Fuer telefonate innerhalb Chinas bezahle ich 2,5cent, nach 9 uhr abend sogar nur 1,5cent. Goettlich, goettlich, n'est-ce pas?

Naja, nachdem ich nun schon entschieden zu viel geschrieben habe und auch genug angegeben habe, bleibt mir nichts mehr, ausser euch alle zu gruessen und euch ne schoene Zeit zu wuenschen.
Euer Jan

4 Kommentare 13.10.07 09:30, kommentieren