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Medienkultur und politische Realitaet

Hallo allerseits,
ich melde mich zum ersten mal seit langem mal wieder aus China. Es tut mir leid, dass ich nun wirklich seit so langem nichts mehr geschrieben habe, aber ich komme ja wie die meisten von euch ja wahrscheinlich wissen gerade von einem 3 wochen urlaub mit meinen eltern wieder, wo wir echt die schoensten ecken chinas gesehen haben.
Es mangelt mir also wirkliche nicht an Erlebnissen, ueber die ich berichten kann und ich hatte auch schon einen - selbstlob - schoenen, gewitzten text geschrieben um in dann auf meinem blog der nachwelt zu vermachen.

Und hier setzt das problem an. und das problem ist so ungeheuerlich, das ich es besser nicht beim namen nenne, da ich nie weiss, was fuer filter auf den servern meines momentanen gastlandes rumlauern.
der konflikt in der Provinz im suedwesten dieses landes, der ja anscheinend immer groessere zuege annimmt, wenn man den fetzen, die ich auf deutschen news-seiten herauskitzeln kann bevor die zensur zuschlaegt laesst mich wirklich manchmal an...allem zweifeln.
Gleichzeitig ist es ein Lehrstueck ueber den totalitarismus, der - wie ich dachte - nur in buechern wie 1984 vorkommen kann.
Anfangs hatte es mich verwundert, dass ueberhaupt ueber diesen konflikt berichtet wurde. Doch da man anscheinend bei den Ausmassen dieses Konflikts wohl oder uebel berichten muss, waehlte man anscheinend Angriff als die beste Verteidigung.
Und so entstand eine perfekte inszenierung auf allen leveln, sodass einem nur grauen kann. Anfangs haeuften sich berichte ueber dutzende sicherheitskraefte, die vom tibaetischen mob angegriffen wurden. berichte machten die runden ueber gutherzige zivilisten, die in haeuser eingeschlossen wurden und dort elendig verbrannten sowie friedliebende Polizisten, die im Dienst fuer das Land umkamen. Opfer gibt es wenige zu beklagen auf tibaetischer seite, da der kriminelle separatistenfuehrer DarIai larma (ich schreibe aus genannten gruenden lieber keine namen hier richtig) alles perfekt organisiert hatte. der kampf gegen ebendiesen und dessen clique sei - laut chinesischer regierung - ein kampf auf leben und tod. Dass ebendieser sich oeffentlich von jeglicher gewalt distanziert und seit jahrzenten den dialog sucht passt da natuerlich nicht ganz ins bild.
vor gut 2 wochen haette sich die lage dann entspannt. fernsehen, zeitungen und oeffentliche informationsmedien wie ubahnlitfassaeulen zeigten bilder der normalitaet, die wieder eingekehrt sei. interviews mit gebranntmarkten ueberlebenden, pro-chinesischen buddhistischen fuehrern und thibaetern in der ganzen provinz begruessten einstimmig das harte vorgehen und forderten rache an den verraetern und saeparatisten.
Um westliche Propaganda aus dem Land selber zu unterbinden, die ja eventuell was anderes aussagen koennte wurde dann im Netz auf allen Kanaelen zugeschlagen. Saemtlich Blogs wurden gesperrt (leider auch meiner), auch war es beispielsweise wochenlang nicht moeglich, bei Gmail Datein an E-mails anzuhaengen, wenn Sie an westliche Server verschickt wurden und auch die Proxyseiten (eine Art Umleitung ueber andere, meist westliche Server, um geblockten Inhalt anzuzeigen) - das Ueberlebenselixier fuer zensurgeplagte Westler - wurden scharenweise abgeschossen.

Doch irgendwann wurde dann absehbar, dass der konflikt noch laenger andauern wuerde, da die westlichen Medien ein grosses Interesse kundtaten und neuerdings der fackellauf auch eine hervorragende Buehne fuer Frii-Tibaet-Aktivisten bietet und somit musste ein neuer Suendenbock her.
Da kam der westen wir gerufen.
Denn leider sind die westlichen medien auch nicht wirklich perfekt. Mir war schon in meinem Jahr in den USA aufgefallen, wie einseitig manchmal berichtet wurde (wenn z.b. ueber Bush's Wiederwahl oder das religioese Lager berichtet wurde, dann war selbst mir als neutralem Beobachter aufgefallen, wie haarstraeubend teilweise Fakten verdreht wurden und unfair argumentiert wurde um sich in Europa gut zu verkaufen). Und auch diesmal wurden aus Uebereifer Bilder von Ausschreitungen in Nepal als tibetische verkauft und Bilder von Demonstrationen so beschnitten, dass die chinesischen Sicherheitskraefte schlecht und barbarisch rueberkamen.

Aber trotz dieser Fehler, die inzwischen auch von einigen Nachrichtenagenturen zugegeben wurden, drehte sich mir neulich der Magen um, als ich in der vierten Zeile der Titelgeschichte in der China Daily - der mit Abstand groessten englischsprachigen, aber regierungstreuen Zeitung China's - folgenden Satz mit Bezug auf ebendiese Bilder las:
"Es ist schockierend zu sehen, wie man Medien manipulieren kann"

Haarstreubend.
Ungeheuerlich.
Was man eigentlich nur als Hohn an menschliche Intelligenz sehen kann funktioniert hier.
Mein Boss, der wirklich unglaublich nett und intelligent ist, mit dem man auch nach der Arbeit und mit einigen Flaschen Bier Spass haben kann und der mich sogar komplett auf seine Kosten fuer anderthalb Wochen uebers chinesische Neujahr zu sich nach Hause nach Xian einlud eroeffnete mir grade neulich erst, als ich auf tagesschau.de die westliche Version der Wahrheit las, dass der Darlai Larma der Teufel sei, erschossen gehoere und die Polizei in Tibet viel haerter durchgreifen muesste.

Einschnitt. Zwei Tage spaeter: Ich unterhalte mich mit einer Mitarbeiterin, die inzwischen eine sehr gute Freundin ist, da sie brilliant Englisch spricht und auch sonst sehr intelligent ist. Vielleicht liegt es am Englischlevel, aber ich vergesse oefters, dass sie noch nie China verlassen hat und nur den chinesischen Horizont hat.
Aus irgendeinem Grund kommen wir wieder mal auf das T-thema zu sprechen und Boom!: "Ist doch vom Westen aufgestachelt alles. Das ist eine innerchinesische Angelegenheit, die aus der Welt geschafft wurde und jetzt nur noch kuenstlich von den Westmedien am Leben gehalten wird."

Ich muss es ganz ehrlich sagen: Nach all dem, was ich hier so mitgekriegt habe in den inzwischen 7 Monaten, die ich hier bin, bin ich bei der Ueberzeugung angelangt, dass sich dieses Regime hier noch lange halten wird. Noch Jahrzehnte. Aus dem einfachen Grund, dass die Chinesen sich einfach in der grossen Masse und Breite nicht dafuer interessieren, hier fuer Demokratie zu kaempfen.
Natuerlich stimmt es auch, dass das nicht ihre Schuld ist. Der Mix aus Medienzensur, traditioneller Zurueckhaltung, laecherlichem Geschichts- und Politikunterricht und der Tatsache, dass Hinterfragen und Diskussionen immer noch als Faux-pas betrachtet werden hat seine Spur hinterlassen.


...Und ausserdem hat Samsung letzte Woche ihr neues Handy rausgebracht. 65000 Farben, mit Video-Kamera, einem Videoplayer fuer ganze Filme. Voll geil, ey!
Wie sagte Ceasar so schoen: Brot und Spiele (und das Volk ist gluecklich). Das Konzept lebt auch 2000 Jahre in leicht abgewandelter Form als Reis und Handys weiter.

Und in genau dieser pessimistischen Phase muss ich mich jetzt fuer ein Studium entscheiden. Chinesisch oder nicht chinesisch, dass ist hier die Frage, um noch ein Klassikzitat zu versaubuedeln.

So, bevor sich das jetzt noch weiter in irgendwelche selbstbemitleidenden Tiraden hineinsteigert erwaehne ich mal die positiven Seiten.
Mein Chinesisch ist inzwischen recht gut, kann mich jetzt einigermassen unterhalten und komm fast ueberall durch; ich verstehe mich gut mit meinen Mitarbeitern und haenge oft mit ihnen einfach so rum und die Reise, die ich mit meinen Eltern neulich bestritten habe hat mir doch groesstenteils gezeigt, was fuer ein wahnsinnig tolles und aufregendes Land China doch ist.
Ich war mal ganz fleissig und habe inzwischen die Bilder von besagter Xian-Reise mit meinem Boss und noch einige elterngerechte Eindruecke von meinem 20. Geburtstag hochgeladen (http://picasaweb.google.com/hoeferjan/XianAndMyBday), die Bilder des Kurztrips in die Innere Mogelei mit meinen Eltern (http://picasaweb.google.com/hoeferjan/InnereMogelei) und schlussendlich die Bilder der Rundreise durch den Rest des Landes (http://picasaweb.google.com/hoeferjan/Journey).

Viel Spass damit! Ein Reisebericht folgt hoffentlich, wenn mich eine Mischung aus Langeweile und schlechtem Gewissen ob meiner Untaetigkeit dazu bringen sollte

Mit schoenem Gruessen aus CHINA,
Jan

2 Kommentare 8.4.08 05:39, kommentieren