Archiv

Mein Leben und so

Moinsen,

da melde ich mal wieder aus China, bevor der Blog jetzt komplett einschlaeft. Mir wurde ja immer wieder gesagt, dass ich auch einfach mal was aus meinem leben schreiben soll und nicht immer gleich so gross ausschweifen soll. Einfach auch, damit ihr einen Einblick in mein ganz normales taegliches Leben kriegt.

Also, mein ganz normales Leben. Nunja, normal ist sowieso so eine Sache. Wenn man in einer Jugendherberge lebt ist sowieso alles etwas unnormal. Besonders in einem Land wie China fuehlt sich ja selbst das kleinste bisschen Westernheit schon vertraut an. So kams dann auch, dass ich neulich fuer einige tage in einer kleinen Gruppe - bestehend aus 2 Malayen (also Menschen aus Malaysia), einem Japaner und einem Kameruner und meiner Wenigkeit - rumhing und mich trotzdem mit ihnen verbunden fuehlte. Vielleicht, weil wir alle im gleichen Boot (naja, wohl eher Raumschiff im fernen Weltraum) sassen oder vielleicht, weil reisende generell sehr nett und neuem gegenueber aufgeschlossen sind. Aber irgendwie habe ich das Gefuehl, dass ich mich in diesem Jahr in den beruehmt-beruechtigen Weltenbuerger verwandele.

In letzter Zeit bin ich neben meinem groesstenteils englischen Freundeskreis auch oefters mit einigen Mitgliedern der juedischen Gemeinde - groesstenteils US-Amerikaner - ausgegangen und wir haben schon ausgemacht, dass wir uns mal in Israel treffen wollen. Auch habe ich eine Einladung, zwei Maedels in Costa Rica zu besuchen, falls ich sie nicht sogar noch waehrend des Europateils ihrer Weltreise treffe.

Zwar werden solche Einladungen und Plaene schneller ausgesprochen und verlaufen sich dann oft im Sand, aber dank Websites wie www.facebook.com kann man einfacher denn je in Kontakt bleiben und mit einigen Australiern und Schweden bin ich seit nunmehr ueber einem halben Jahr in Kontakt.

So schoen das auch alles ist, es hat aber auch seine Schattenseiten, hier zu leben. Peking ist von einigen nervigen Sachen abgesehen eine schoene Stadt und nicht schlecht zum leben, aber es juckt einen doch schon, wenn man auf so regelmaessiger Basis Weltreisende trifft und selbst hier gestrandet ist. Zwar bestreite ich nicht, dass ich schon gluecklich bin, ueberhaupt hier zu sein und diese Erfahrungen machen kann und nicht in Deutschland bin. Aber das aendert nichts an der Tatsache, dass ich schon neidisch bin, wenn ich die Erzaehlungen der Reisenden hoere und ihre Fotoalben im Internet angucke.

Wenn es besonders schlimm ist, gehe ich einen Block weiter in den Foreign Language Bookstore und lese mir Lonely Planets - gern auch die Bibel aller Rucksackreisenden genannt - durch. Ganz oben auf der Liste steht momentan die Flussfahrt auf dem Mekong durch Laos, Kambodscha und Vietnam, ein Trip durch Westafrika und auch Iran soll toll sein und dann muss ich natuerlich nach England, Australien, Schweden und Costa Rica um die Leute, mit denen ich hier laenger was zu tun hatte zu besuchen.

Aber erstmal steht jetzt erstmal Uni an. Wobei das natuerlich auch bloed ist, wenn man von Anfang an schon Fernweh hat. Den einzigen Trost, den ich habe, ist, dass ich ja erst 20 bin und sich die meisten Reisenden in meinem Alter noch gar nicht haetten vorstellen koennen, laenger zu reisen.

Ein Gedanke kreuzte in letzter oefter in meinem Kopf herum: Als ich damals in den USA war hatte ich waehrend des Jahres oft das Gefuehl, dass ich mich ja fast gar nicht veraendert habe. Und erst als ich spaeter wieder in Deutschland war habe ich im Kontrast zu meinem vertrauten Leben gesehen, wieviel ich mich eigentlich veraendert habe. Viel selbstbewusster, extrovertierter, weltoffener und auf jeden Fall erfahrungsreicher bin ich durch mein Auslandsjahr in der 11. geworden. Und vor meiner Abreise nach China ueberlegte ich mir oft, wie das wohl diesmal sein wuerde. Ich dachte, ich koennte mich gar nicht mehr so gross veraendern. Aber dieses Mal merke ich schon waehrend des Aufenthaltes, wie ich
nochmal weltoffener geworden bin und dank zahlreicher Gespraeche mit groesstenteils Aelteren viel ueber das Leben und speziell auch ueber Arbeit gelernt habe. Und nicht nur die, die hier in einer kleinen Midlife-crisis herkommen und ihren Job wechseln wollen, wenn sie zurueckkommen sagen, dass das wichtigste ist, das man spass haben sollte an dem, womit man Jahrzehnte seines Lebens verbringt. Dass das Leben lebenswert sein sollte. Jetzt bin ich gerade dabei, diese Wahrheit in Zusammenhang mit meinen Plaenen fuer internationale Wirtschaft in einen geeigneten Studiengang umzuwandeln. Wuenscht mir Glueck dabei.

 Aber eine Erfahrung, die ich hier andauernd mache finde ich besonders wichtig: Fast ueberall gibt es nette Menschen, und egal ob arm oder reich, schwarz, weiss oder gelb und egal ob Muslim oder Christ, es gibt wenige Orte, an denen ich mir nicht vorstellen koennte, zu leben.

Und damit ein Auf Wiedersehen aus der weiten Welt ins beschauliche Deutschland 

1 Kommentar 8.5.08 04:17, kommentieren

I will survive

Hallo allerseits,

der lebende gruesst euch, um das bekannte sprichwort mal etwas zweckzumissbrauchen.
Wer von euch nicht weiss, der kann sich auf wahrscheinlich jeder Newsseite der Welt darueber informieren. Gestern nachmittag chinesischer Zeit gabs in der Provinz Sichuan ein ziemlich schweres Erdbeben. 7,8 auf der Richterskala. Es heisst, das war das schlimmste seit 30 Jahren in China. Die Todeszahl ist inzwischen auf 50000 geklettert, anscheinend sind 2 Mittelschulen waehrend des Unterrichts zusammengebrochen und haben um die 1000 der 1300 Schueler im Gebaeude begraben und zu einem ganzen Landkreis (!) gibt es immernoch keine Kommunikation, da alle Handymasten, Leitungen und Strassen kaputt sind. Ist kein gutes Zeichen fuer die 40000 Menschen, die da leben und moeglicherweise die Opferzahl in die Hoehe spriessen lassen koennten.
Selbst hier in Peking soll es ziemlich gewackelt haben. Also die meisten Gebaeude ueber 5 stoecke waren betroffen. So habe ich auch vom Beben erfahren, da eine Mitarbeiterin, mit der ich mich grade unterhalten habe von ihrer Freundin einen anruf bekam und gesagt bekam, dass alles wackelt und sie ziemlich angst haette.
Aber ich war natuerlich hier im ersten stock und habe es nicht mitgekriegt.

Sonst geht es mir ganz gut. Bei der Arbeit passiert nichts besonders, laeuft einfach so vor sich hin. Ich bewerbe mich grade fuer Universitaeten, bin mir aber noch nicht 100% sicher, was und wo es genau werden soll.
Ich hatte ehrlich gesagt grade einen kleinen Urlaub geplant. Ich wollte, nachdem ich heute mein neues Visum erhalten soll am Wochenende nach Sichuan fliegen und dann in Chengdu und dann der Provinz 9 Tage lang rumzuckeln. Wird wohl jetzt eher nichts. Aber wenn man bedenkt, dass ich - wenn ich mein visum nicht verlaengert haette - noch da unten waere, dann habe ich wohl glueck gehabt.
Ich scheine da generell gluecklich zu sein. Ich wollte vor 3 wochen nach Tsingtao fahren und nachdem ich fast schon das ticket hatte habe ich dann auch wegen visumsproblemen die reise verschoben, und prompt passiert auf genau der strecke ein massives Zugunglueck (das mit 90 toten und 450 verletzten, dass es auch in die deutschen nachrichten geschafft hat). Ich waere 2 tage vorher mit genau diesem zug gefahren...

Man kann sich jetzt streiten, ob ich jetzt glueck hatte, beide male nicht gefahren zu sein oder pech, dass es sehr schwer und teuer geworden ist, diesen beiden orte zu bereisen...
In anderen Neuigkeiten ist hier in Peking jetzt der sommer angebrochen. die ganze stadt lebt wieder. Leute treibt es wieder auf die strasse und die stadt hat wieder flair, weswegen ich glaube, dass die letzten 3 monate hier richtig gut werden.
Ich hoffe, es geht euch allen gut und ich wuerde mich freuen, was von euch zu hoeren!
Schoene gruesse aus peking,
Jan

1 Kommentar 23.5.08 03:17, kommentieren

3 Minuten

Moinsen,

da melde ich mich mal wieder aus dem Land, wo...die Naturkatastrophen bluehen. Aus dem Land, was noch lange an den Folgen des Erdbebens zu zehren haben wird, da immer noch Zehntausende vermisst werden. Aus dem Land, in dem ich allerdings auch einen nationalen Zusammenhalt sehe, wie ich in selbst in meinem USA-Jahr wenig gesehen habe. Aus der immer noch fremden Welt. Aus China.

Ok, ich wollte das eigentlich gar nicht so poetisch anfangen, aber das irgendwie fand ich, dass diese Analogie (oder Anapher...oder wie auch immer dieses Stilmittelding heisst, wo alles mit dem gleichen Wort anfaengt. Haette ich gewusst, dass ich mal bloggen wuerde haette ich in deutsch wohl mehr aufgepasst..vielleicht doch schon meine turbulente Zeit hier beschreibt.

Ich glaube, ich brauche euch nichts ueber die Fakten zu erzaehlen, denn die duerftet ihr kennen, aber die Art, wie ich es unter all den Chinesen erlebt habe, finde ich wirklich interessant und aufschlussreich.

Alles anfangen tat es ja am Montag vor anderthalb Wochen mit der Schreckensnachricht. Wobei das Einzige, was ich die ersten zwei Stunden wusste, dass die Freundin meiner Mitarbeiterin bewackelt wurde im Hochhaus, aber erst nach und nach wurde das ganze Ausmass der Katastrophe klar. Zwar war gluecklicherweise keine Familie meiner Mitarbeiter betroffen, aber es breitete sich eine Anteilnahme und Trauer aus, welche schon erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass das Ereignis gut 2000km entfernt stattfand und einfach nur Landsleute betroffen waren. Das einzige Ereignis, was ich als Deutscher mit dem vergleichen kann war die Flutkatastrophe 2002 und selbst da - obwohl dies viel naeher war - tangierte mich das wirklich wenig und ich waere nie im Leben auf die Idee gekommen, Geld zu spenden, geschweige denn mich sonst zu engagieren.

Nicht so hier. Seit ca. 20 Minuten nach dem Beben wird auf praktisch allen chinesischen Sendern ununterbrochen ueber das Erdbeben berichtet. Es werden heroische Bilder gezeigt, wie Rettern/Helden gegen die gnadenlosen Maechte der Natur ankaempfen. Und auch eine Woche spaeter bleiben viele Leute davor stehen und gucken sich stumm die Bilder an. Am Tag selber verbrachten meine beiden Bosse den gesamten Tag vor dem Computer um sich durch Internetfernsehen weiter zu informieren, und als ich mich am Abend zu Ihnen ins Buero setzte waren beide den Traenen so nahe, dass es schon schauerlich war.

Public Viewing - ein Begriff, der fuer mich waehrend der WM gepraegt wurde erlangt hier nochmal eine ganz andere Bedeutung. So ist beispielsweise auf der grossen und beruehmten Einkaufsstrasse Wangfujing direkt ueber McDonalds eine riesiege Leinwand angebracht, die natuerlich seit dem Ereignis 24h am Tag ueber das Ereignis berichtet, und egal zu welcher Tages- oder Nachtszeit man dort hingeht...immer sind hunderte Menschen davor versammelt und gucken sich Bilder vom Ereignis an. Die Anteilnahme, die hier ueberall foermlich zu spueren ist, ist fuer mich fast atemberaubender als das eigentliche Disaster.

Am Donnerstag stellten wir dann in unserer Lobby eine Spendenbox auf und baten alle Gaeste, auch etwas fuer das Rote Kreuz su spenden, um den Landsleuten in Sichuan zu helfen. Und ausnahmslos jeder Mitarbeiter spendete einen beachtlichen Anteil. Meistens 10% des Monatsgehalts. Meine Bosse spendeten sogar 1000RMB. Und als ich am naechsten Morgen immer noch nichts reingetan hatte (wirklich eine Sache der Zeit als eine Frage des mangelnden Herzens) wurde ich von mehreren Mitarbeitern vorwurfsvoll drauf hingewiesen, dass ich als chinesisierter auch was spenden sollte. Obwohl fast alle Spenden nur von uns Mitarbeitern generierten, sammelten wir immer noch 4500 Euro an. Nicht schlecht fuer 30 unterbezahlte Chinesen. Ich finde, diesen - ja irgendwo ist es schon Patriotismus wirklich positiv. Wie das Land zussamenhaelt, sich gegenseitig unterstuetzt, ist schon erstaunlich. Negativ daran ist natuerlich, dass Stimmen die darauf hinweisen, dass es schon sonderbar, dass so viele Schulen und oeffentliche Gebaeude zusammenbrachen, waehrend Firmen dem Beben standhielten des Antipatriotismus bezichtigt werden. Aber es erklaert auch das Unverstaendnis und die Unakzeptanz von Separatismusbewegungen. Ich kann jeden Chinesen fragen, den ich will. Sie werden mir alle bestaetigen, dass die nationale Einheit das Wichtigste ist, und wenn man sieht, wie sie sich helfen, dann glaubt man das auch. Da kommt natuerlich sehr die Parteilinie durch, aber es ist nunmal dass, was (fast) alle Chinesen glauben.

Am Montag fing dann genau 168 Stunden spaeter um 14.28 eine dreitaegige Staatstrauer mit einer 3 minuetigen Schweigeminute an. Auch dies ein einpraegsames weil fast schon gespenstisches Erlebnis: Um 14.15 unterbrach ein 1,3 Milliardenvolk die Arbeit, um sich im Freien zu versammeln und den Toten zu gedenken. Alle Mitarbeiter der Jugendherberge und die 3 Gaeste, die den Hinweis gelesen hatten versammelten sich auf der grossen Strasse vor dem Haus. Neben uns stand die gesamte Belegschaft des 4 Sterne Taiwanhotels. Aus dem Massagesalon/Fruedenhaus kamen auch alle heraus und generell versammelte sich jeder und jede, die zu der Zeit grade in der Strasse war auf dem Buergersteig. Ich habe selten eine so grosse Menschenmasse gesehen, die einfach nur dastand - regungslos - und sich nicht bewegte. Um 14.28 blieb dann auch der Verkehr stehen. Doch anstatt den Motor auszustellen finden alle Autos an zu hupen. Es war ohrenbetaeubend, aber zerstoerte die Atmosphaere eigentlich ueberhaupt nicht. In einer Kultur, in der Feuerwerkskoerper zu dem Zweck erfunden wurden, um boese Geister zu vertreiben, ergibt es sogar Sinn. So standen wir da in diesem Schallinferno, einige fingen noch einmal an zu weinen und als es dann aufhoerte ging ein lautloses aber unbeschreibliches Zussamengehoerigkeitsgefuehl durch die Menge. Danach versammelten sich wieder alle, um im Fernsehen zu sehen, wie in allen Teilen des Landes diese Art der Staatstrauer abgehalten wurde.

Doch damit ist die Geschichte immer noch nicht vorbei. Beziehungsweise auf dem neuesten Stand. Die naechste Hiobsbotschaft kam gleich am Montag Abend. Nachdem alle dachten, es wuerde jetzt etwas abkuehlen sass ich grade in unserer Bar und unterhielt mich mit einem daenischen Freund, der 4 Wochen lang in der JH wohnte. Um 10 Uhr brach bei der grade arbeitenden Barmitarbeiterin Panik aus. Sie rief aufgeregt Leute an und wirkte auf einmal sehr aufgeloest. Als ich sie fragte, was denn los sei, sagte Sie, dass sie nicht wisse, ob es ihrer Familie gut geht. Wegen dem Erdbeben und so. Das fand ich 7 Tage spaeter etwas komisch aber ich wusste auch nichts damit anzufangen. Als dann aber gegen 12 ein anderer Mitarbeiter und guter Freund auch vom Buerotelefon versuchte, zu Hause anzurufen und ploetzlich in Traenen ausbrach, war das nicht mehr koscher. Als ich ihn dann versuchte zu troesten erfuhr ich, dass das Geruecht eines starken Erdbebens in Xian umging. Da viele Mitarbeiter (auch mein Boss, dessen Familie ich ja in Xian besucht hatte) aus der Umgebung kam war bei vielen die Hoelle los. Am Ende stellte sich heraus, dass es nur ein kleines Nachbeben war und alle - zumindest alle Mitarbeiterfamilien - in Sicherheit waren. Verstaendlicherweise war allerdings das schon strapazierte Telefonnetz in die Gegend zussammengebrochen, sodass viele erst am naechsten Tag erfuhren, dass nicht passiert war.
Am naechsten Tag sah man vielen Leuten an, dass sie die nacht nicht gut geschlafen hatten.

Es ist und bleibt hier in China also aufregend.
Gruesse ins wohl behuetete Deutschland!
Jan

2 Kommentare 23.5.08 10:06, kommentieren