Ueber Heimwehgefuehle und Kolonialwarengeschaefte

Gestern habe ich es getan. Ich wusste, es wuerde ein Fehler sein, ja die Vernunft schrie mich geradezu an, aber es war mir egal.
Gestern war ich in Deutschland - genauer gesagt, little Deutschland. Bestehend aus einer Konzentration deutscher Kultur zwischen 2 Strassenecken. Es war sogar nicht einmal Zufall. Am Freitag hatte ich zufaellig in Sanlitun - Botschaftsviertel bei Tage, Kneipen-Discoviertel bei Nacht - eine Gruppe 17-jaehriger Schueler der deutschen Botschaftsschule getroffen, und vielleicht lag es daran, dass ich schon laenger aus Deutschland raus bin oder dass sie einfach beknackt waren, aber irgendwie waren die vollkommen verzogen. Das liegt wahrscheinlich an den Gehaeltern die ihre Vaeter beziehen und den Lebenserhaltungskosten hier in Beijing.
Nachdem das Wochenende also schonmal so deutsch eingestimmt wurde und der Samstag dann aufgrund uneingeladenen Besuches der "maennlichen Katze" etwas...inaktiv ausfiel fuhr ich Sonntag morgen um 14:00 Richtung little Germany. Der Weg fuehrte mich ironischerweise genau an der Bar vom Freitag vorbei, nur wehten jetzt ueberall Flaggen, die man bei Nacht nicht sah. 200 Meter weiter die deutsche Botschaft. Ich habe vor ein paar Tagen auch erfahren, dass es hier zur Adventszeit Weihnachtsmarkt geben soll. Mit Gluehwein, Mandeln, Schokobananen und - wie ich mal ganz kuehn zu vermuten wage - einer groesseren Menge anderer Exildeutscher.
Nochmal ein, zwei Kilometer weiter dann die deutsche Botschaftsschule samt Kindergarten, wo die kleinen Pinkelnelken jetzt gerade wahrscheinlich sitzen. muhahaha. Direkt gegenueber das Lufthansacenter, so wie ich das verstanden habe eine der ersten grossen auslaendischen Einkaufszentren. Mein eigentliches Ziel war die German Bakery. Die sei, laut Internetforen, sehr gut und auch preislich im deutschen Rahmen. Als ich sie nach viel hin und her dann hinter dem Paulaner Braeuhaus fand war aber leider schon fast alles ausverkauft und auch die Preise waren nicht gerade moderat. Aber trotzdem, eine Brezel ergatterte ich noch und Herr im Himmel, die war gut Als ich danach leicht enttaeuscht im Komplex herumstromerte ging ich ins paulaner und freute mich erst ob der wirklich gelungenen Einrichtung, die wirklich etwas Bierstubenscharm verspruehte. Leider verspruehte sie auch den deprimierenden Duft des Kommerzes denn ein Hefe wuerde mich dort anderthalb Tagesgehaelter kosten, aber trotzdem, da muss ich bald mit meinen englischen Freunden hin und ihnen zeigen, was ein deutsches Bier ist. (Andererseits kann man fuer den Preis von 3 Bieren schon wieder einen Wochenendausflug in die Innere Mongolei machen - inklusive Zug, Uebernachtung und Essen)
Der Hoehepunkt in Little Germany war dann jedoch ein Supermarkt. Wobei mir beim Betreten unweigerlich der Begriff Kolonialwarenmarkt eingefallen ist. Sie hatten echt aus allen Ecken Europas ein bisschen Essens und Trinkkultur zusammengetragen. Ihr wisst nicht, wie nah man einem Haulkrampf kommt, wenn man nach so langer Zeit wieder Ritter Sport, Lindt, Erdinger, warsteiner, Moselwein, Rosinenschnecken und Konsorten sieht. der Heulkrampf kommt aber erst bei den Preisen, das zweite Indiz, was bei diesen Begriff Kolonialwarenladen in den Kopf rief. Nachdem ich also lange rumgeschlaendert bin kaufte ich mir alles, was ein volles Tagesgehalt hergeben wuerde. Was, zugegebenermassen nur eine Flasche Erdinger und ein paar Rosinenschnecken und Schokocroissants waren:/
Aber ich hatte mich wirklich fuer eine Stunde wie in Deutschland gefuehlt, und dass eben nicht nur wegen der vielen Deutschen, die man sah, sondern auch einfach wegen der Stimmung und zugegebenermassen all den schoenen sachen die man kaufen konnte. Und irgendwie ja, da denkt man sich schon, meine Guete, wie gerne waere ich jetzt in Deutschland.
Naja, jetzt bin ich jedenfalls wieder ins chinesische Leben eingetaucht, und habe mir geschworen, so schnell nicht wieder dahin zu gehen.

Einfach schon weil ich geizig bin.

22.10.07 04:20

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Pico (22.10.07 17:40)
Jan, schreib ein Buch.
Es ist herrlich, dir "zuzulesen".
Schreib ein paar mehr "Tagebucheinträge und du kannst es einfach so übernehmen und als Buch veröffentlichen.
Ich würds kaufen.

Und das obwohl ich auch geizig bin




Lea (28.10.07 19:55)
jaan!das ist ja herrlich was du schreibst und vorallem wie du schreibst!ehrlich,kaum bist du aus deutschland weg,liegt dir deutsch perfekt!!
ganz liebe grüße aus big germany


und ich würde das buch natürlich auch kaufen!

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