Flucht

Hallo allerseits,

da melde ich mich mal wieder nach etwas laengerer Abwesenheit. Ich habe mir naemlich euren Rat zu Herzen genommen (danke noch einmal fuer die positiven Rueckmeldungen) und bin prompt in ein kreatives Loch gefallen - wenn das mal kein gutes Omen fuer eine herausragende Schriftstellerkarriere ist

Unter anderem deswegen bin ich dieses Wochenende also weggefahren. Nach Pingyao - um dem grauen Pekinger Alltag zu entfliehen. Das ist sogar ganz woertlich gemeint. Peking ist im Hochsommer und Winter keine Offenbarung. Smog und Gestank sind in dieser Zeit die beiden prominentesten Pekinger Dauergaeste.

Die Erklaerung ist recht simpel und traurig. Im Hochsommer ist es knallheiss - 18 Millionen Pekinesen schmeissen die Klimaanlage an; im Winter ist es...hinternkalt - die gleichen Pekinesen die sich im Sommer so extensiv gekuehlt haben wollen sich jetzt waermen. Und da die Kraftwerke - strategisch sehr guenstig gelegen - direkt an die Vororte angrenzen wabern die Abgase praktisch der Waerme hinterher. Direkt zu uns. Pri-Ma. Als wollte sich Gott dafuer nochmal extra raechen hat er an 3 Seiten von Peking Berge hingestellt, sodass die Suppe solang wie moeglich im schachbrettflachen Peking verweilt.

Aber wie gesagt, diesem grauen Alltag galt es zu entfliehen. Also schnappte ich mir die 2 naechstbesten Freunde, die bei 3 nicht auf den Baeumen waren und nahm mit ihnen am Freitag den Nachtzug von Peking nach Pingyao. Allein die Fahrt zum Bahnhof war schon...erlebnisreich. Normalerweise ist die Strecke von meiner Jugendherberge zum Bahnhof mit einem Taxi in 15 Minuten zu bewaeltigen. Wir vergassen leider die ca. 3 Millioenen Wanderarbeiter, die sich zu der Zeit ebenso auf dem Weg zum Bahhof befanden. Wir stiegen in ein taxi und nach 10 Minuten Stillstand stiegen wir direkt vor der verbotenen Stadt mitten auf der Strasse aus und gingen in die U-Bahn. Um es mit einem Satz zu sagen: ich habe selten eine solche Menschenmasse gesehen. Obwaohl die U-Bahn schon ueberfullt war versuchten in jeder Station nochmal 1000 Leuten hineinzukommen. Wir hatten es zwar geschafft uns unter unfairer Zuhilfenahme des Groessenunterschiedes hineinzuquetschen, aber als in einer grossen Umsteigestation 25 panische Chinesen auszusteigen versuchten, konnte ich mich nur noch mit aller Kraft festhalten, weil der Rest des Koerpers einfach mitgespuelt wurde. Das war ein unbeschreiblicher Moment. Die Kraft dieser Menge, die einen einfach fortreisst!

Irgendwann sassen wir dann zum Glueck im Zug. Wir hatten uns - aus Fahrkartenverfuegbarkeitsgruenden (ich liebe deutsche Sprache) - dafuer entschieden, Sitzplaetze zu nehmen. 1200 Kilometer; 12 Stunden; 6 Euro 70!! Aber um es kurz zu beschreiben: Die Sitze waren definitiv fuer Chinesen gebaut und nicht fuer Westler. Die letzten 6 Stunden musste ich meine Schulterblaetter einziehen, weil sich aus allen moeglichen Richtungen wildfremde Chinesen anlehnten.

Ich war - welche Wunder - schon erleichtert, als wir dann am Samstagmorgen endlich in der Jugendherberge ankamen. Die Jugendherberge gehoerte ebenfalls meinem Boss in Peking, sodass ich herzlich begruesst wurde als "der neue Deutsche". Kostenlose unterkunft wollten sie mir aber trotzdem nicht geben. Heuchler Aber wie bereits gesagt, eine Nacht in einer chinesischen Jugendherberge bewegt sich im Rahmen von 3-6 Euro. 3 in unserem Fall...

Es waere glaube ich viel zu langweilig, ueber meinen Aufenthalt in Pingyao hier chronologisch oder was-weiss-ich-ologisch zu erzaehlen. Es ist besser, zu schreiben, was Pingyao eigentlich ist. Pingyao - um es in einem simplen, unlogischen Satz zu sagen - ist original China, wie es nirgendwo in China existiert. Es gibt eine sehr grosse bestadtmauerte Altstadt, wo kein modernes Gebaeude steht, keine Leuchtreklame das Flair zerstoert und auch sonst alle typischen Charakterisitka fehlen, die wie in fast allen anderen chinesen Staedten auf eine ueberstuerzte, kopflose Oeffnung zum Westen hinweisen. Denn obwohl sich inzwischen auch einige Touristen hierher verirren ist Pingyao vor allem eins: eine normale Stadt, in der normale Chinesen leben und wohnen. Man geht einfach durch die Strassen, geniesst die Stimmung, betrachtet die authentische Architektur und denkt sich: Ja, so koennte China aussehen - ohne ueberschwaengliche Tourismusindustrie und omnipraesente, omniverhaesslichende Schwerindustrie.

Noch interessanter ist jedoch, dass es auch ein neues Pingyao gibt. Ausserhalb der Stadtmauern sieht man den krassen Gegensatz zur Altstadt. Die Luft ist schlecht - in der Naehe des Bahnhofs ist sie sogar so schlecht, das sich selbst Chinesen die Aermel als Mundschutz vor den Mund halten. Ueberall qualmt es, die Strassen sind voll von laermenden, schmutzigen Fahrzeugen, aus kleinen Friseursalons und Kleidergeschaeften kommt ohrenbetaeubende Technomusik, die einen das Weite suchen lassen und Neonreklametafeln versuchen selbst fuer die schaebigste Bude noch irgendwie Kunden zu gewinnen.

Die Devise war natuerlich: Sofort umdrehen und zurueck in die Altstadt. Aber nach 3 Tagen in der Pingyaoer Altstadt aenderte sich die Devise leider und wurde abgeloest von: Auf zum Bahnhof. Da wir unsere Lektion von der Hinfahrt gelernt hatten, buchten wir Betten fuer den Weg zurueck. 13 Euro 50. Wucher!

Die Betten waren sogar ganz ok. Sie hatten zwar recht harte Matratzen aber dafuer - ich haette es nicht fuer moeglich gehalten - ausreichend Laenge um einen ausgewachsenen Jan Hoefer zufriedenzustellen. Der Wermutstropfen war die Tatsache, dass 5 Minuten nach Abfahrt das Licht ausgemacht wurde - kompromisslos, ohne Vorwarnung. Das merkte Jan, als er 5 Minuten nach Abfahrt grade dabei war, sein Gepaeck zu verstauen. Dem folgte eine improvisierte und extensive Unterrichtsstunde in der Diversitaet deutscher und englischer Schimpfwoerter fuer alle anwesenden Chinesen. Aber da ich den Rest der Fahrt tatsaechlich schlafen konnte und jetzt den Umstaenden entsprechend relativ erholt bin, will ich der chinesischen Bahn mal vergeben.

So, damit waeren wir nun in der Gegenwart angekommen und um diesen Artikel in schoenster "SPIEGEL"-Manier zu Ende zu bringen folgt jetzt der Rueckgriff auf den Anfang des Artikels: Ich bin mental erholt und habe mein kreatives Loch ueberwunden

Na, wenn das mal nichts ist!

20.11.07 07:09

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Pico (21.11.07 17:16)
Spannend...
Lustig...
... toll

Freu mich so für dich.

Dicke Umarmung!


micha (22.11.07 00:26)
Na mein Lieber,
da freue ich mich ja schon auf die Fahrten mit der Staatsbahn! Wenn ich recht überlege, kommen wir auf unserer geplanten Reise auch durch Pingyao - schön.
Hört sich so an, als ging's Dir wirklich gut - freu mich für Dich. Und wie Lea im letzten Kommentar so schön schrieb: kaum biste weg aus Germany, wird Dein Deutsch richtig gut!!!;-)
Machs gut und liebe Grüße
Dein micha

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