Ueber das Dilemma chinesisch-westlicher Beziehungen

Als ich darueber nachdachte, fuer ein Jahr nach China zu gehen und anfing, mich darueber zu informieren, wie es wohl sein koennte, dort ein Jahr zu leben bin ich immer wieder auf folgende Bemerkung bezueglich chinesischer Kultur gestossen: Das wichtigste ist, nicht das Gesicht zu verlieren und auch, andere nicht das Gesicht verlieren zu lassen.

KLingt irgendwie abstrakt. Klingt nach gegenseitigem Respekt. Und spiegelt wirklich nicht meine Erlebnisse in Peking wieder. Im Strassenverkehr ist sich jeder selbst der naechste und nimmt ueberhaupt keine ruecksicht auf seine Mitmenschen. In Restaurants werden die Kellner behandelt als waeren sie Dreck und selbst hier in der JH im Umgang mit meinen Mitarbeitern wird mir oft genug recht direkt vorgehalten, wie falsch ich doch vieles mache (was dann allerdings zugegebenermassen auf gegenseitigkeit beruht)

Das bringt mich zu dem einen Teil in der chinesischen Kultur, in der dieser Grundsatz Anwendung findet. Leider dort, wo er so fehl am Platz ist, wie...man eben fehl am Platz sein kann: Der Umgang mit Globalisierung und Tourismus, sprich Auslaendern.
Chinesen - und ich bin mir hier vollkommen der Verallgemeinerung bewusst - glauben, sie wuessten, was wir Westler wollen. Und daraus resultieren die grauenhaftesten und vermeidbarsten Dinge. Anstatt IRGENDEINEN beliebigen Auslaender um Rat zu fragen, tun sie hier die gravierendsten Dinge, die wir Westler am Ende gar nicht wollen. Aber niemand kaeme auf die Idee, sein "Gesicht zu verlieren" und einmal das richtige zu tun: Zu fragen, wenn man keine Ahnung hat. Meistens weiss man nicht mal, woher die Chinesen ueberhaupt ihr "Wissen" ueber westliche Wuensche her haben.

Es faengt an beim Fruehstueck im Hotel. Das gibt es praktisch ueberall in 3 Varianten: Amerikanisch, Englisch und kontinental (was immer kontinental bedeuten soll). Oft ist Amerikanisch eigentlich englisch, englisch eigentlich Amerikanisch, manchmal auch italienisch (in Pingyao, so gut die Kueche da auch war, die wollten mir allen ernstes Cappucino, Hash Browns, Bacon und Marmeladentoast als englisch verkaufen) und kontinental...nun, das ist meistens eine Mischung aus Englisch und Resteverwertung.
Und glaubt jetzt nicht, dass ich das nicht zu aendern versucht haette. Doch jedes mal, wenn man es anspricht laecheln sie und denken sich, was nimmt der sich das recht raus, einen Verbesserungsvorschlag anzubringen, wo wir doch besser als er wissen, was er bei sich zu hause fruehstueckt...
Es geht weiter bei der Beschilderung in unserem Hostel. Ich bin hier als auslaendisch-sprechender Ansprechpartner angeheuert worden. Aber glaubt ihr, ich werde einmal zu rate gezogen, wenn hier ein neues Schild aufgehaengt wird. Und da kommen so krude Ergebnisse raus. Oft nur Tippfehler, oft unglueckliche Wortwahl und das eine oder andere mal auch einfach nur eine unverstaendliche wirre Ansammlung von Woertern, aber man kann sich darauf verlassen, das fast immer irgendwo ein Fehler ist - den jeder auch noch so unterbelichtete Westler sofort korrigiert haben koennte. Benutzung des Konjunktivs hier, weil verbesserungsvorschlaege, wie bereits gesagt nicht aufgenommen werden. Wer einigermassen des englischen maechtig ist, kann sich hier ein wenig amuesieren: http://www.flickr.com/groups/chinglish/pool/

Der schlimmste Auswachs dieser Einstellung spielt sich allerdings in einer viel groesseren Dimension ab. Wenigen von euch wird der Begriff Hutong etwas sagen. Und wenn man die aktuelle Entwicklung betrachtet scheint es auch unwahrscheinlich, dass viele von euch jemals erfahren werden, was das ist. Eine Hutong ist eigentlich nur eine ganz normale Strasse. Wobei man normal in Anfuehrungszeichen setzen muesste. "Normal". So. Weiter im Text. Peking besteht naemlich seit mindestens 600 Jahren aus einem engen, quadratischen gepflecht von kleinen Strassen und Gassen. Zwar sind viele schmutzig, die strassen in schlechtem zustand und die haeuser in schlechtem heruntergekommen, aber dafuer haben sie was, was selten geworden ist in peking: Charakter. Ausrufezeichen! Absatz

Man geht durch diese Strassen ist umgeben vom lauten leben der chinesen. man denkt sich: wow, das ist china, so habe ich mir das vorgestellt. hier vereinigt sich wirklich alles, was man an china schoen finden kann. die architektur ist einfach, aber kreativ und alles ergibt irgendwie ein gesamtwerk. ich habe wirklich einige lieblingshutongs, in denen ich jedes mal eine leichte gaensehaut kriege und sich jedes mal merklich meine laune verbessert, weil sich dort mehr als irgendwo sonst das gefuehl durchringt: ich bin in china, fort von zu hause, aber dort, wo ich seit so langem schon hinwollte.

Leider sehen das nicht alle so. zwar wuerde mir jeder pekingreisende sofort und ohne zu zoegern zustimmen, dass die hutongs das mit abstand schoenste in ganz peking sind und in ihrer imposanz nur von der grossen mauer ausgestochen werden koennen, aber die staedtebauer und boesen sontigen boesen maenner an den schalthebeln sehen das anders. Westerner wollen das nicht. Sie wollen riesige hochhaeuser wie bei sich zu hause, damit sie sehen koennen, wie modern und offen china doch ist. Das ist vollkommen klar; das weiss man, ohne sie zu fragen. das resultat: Angefangen bei ca. 2000 Hutongs im mittelalter wurde die groesste zahl in den 1950ern und 1960ern erreicht. 6000 waren es. doch dann kam das jahr 2001. ein schreckensjahr fuer pekinesische kultur: die zusage fuer die olympiade 2008. seit ca. 2004 laufen die konstruktionen auf hochtouren und jedes jahr werden ueber 1000 hutongs dem erdboden gleichgemacht und durch riesige quadratische bloecke ersetzt.  mittlerweile betraegt die anzahl weniger als 2000 und ich bezweifele, dass nach der olympiade von einigen fuer den tourismus hergerichteten hutongs abgesehen ueberhaupt noch welche zu finden sind.

china schaufelt der globalisierung das eigene grab fuer seine kultur, weil es denkt, dass wir westlichen das wollen und verstehen nicht, dass wir genau den teil wollen, den sie zerstoeren. das liess sich auch in pingyao gut sehen, wenn man die altstadt und neustadt vergleicht, da irgendjemand dort so intelligent war, die altstadt unveraendert stehenzulassen. ich habe jetzt auch ein paar bilder von pingyao hochgeladen. nur eins aus der neustadt sogar, und das war sogar noch der angenehmere teil, aber ich war als erholungssuchender dort und nicht als dokumentarfotograph.

Ich hatte nicht vor, so pessimistisch zu sein, aber das musste einfach mal raus. wenn also einer von euch zufaelligerweise interesse hat, original peking zu sehen, ich habe noch ein zimmer frei

P.S. Wer sich ein bisschen weiter ueber hutongs informieren moechte und einige bilder ansehen will, dem kann ich google und folgende seite emfpehlen: http://www.hutongphotography.com/

28.11.07 04:15

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Pico (28.11.07 14:45)
Wiedermal herrlich, dir zuzulesen

Und jetzt wo dus sagst, verdammt, ich hätte schon total Bock ma rüberzukommen :D
Aber das Geld, das Geld...

Picos Problem: Cubabevoresanderswird-Chinabevorsanderswird...
ahm... Cuba

Danke für dieses Recht frühe Update!

Möge der Saft mit dir sein.


Pico (28.11.07 14:45)
Korrektur:
Möge dir der Saft nie ausgehn!

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