Veteranengeburtstage

Hallo Leute,

da schreibe ich mal wieder. Ich war in letzter Zeit etwas unproduktiv geworden. Der Winter kann hier schon sehr grau sein und befluegelt nicht gerade zu geistigen Hoehenfluegen. Den folgenden Eintrag habe ich groesstenteils schon vor einigen Wochen geschrieben, doch wurde ich damals mitten im Satz vom gefraessigen Lethargiemonster ueberfallen und konnte den Eintrag nie zu Ende schreiben.

Der Anlass dieses Eintrages ist ein Abend im spaeten November. Da wurde naemlich unser Boss 40. Oder 41. Je nachdem, wo man ist. Das chinesische Alter unterscheidet sich naemlich insofern vom "normalen" Alter, dass man hier bei der Geburt ein Jahr alt ist. Als er uns dann im Verlauf des Abends seinen chinesischen Ausweis zeigte, haben wir uns sehr gewundert, wieso einem solchen runden Geburtstag nicht mehr Bedeutung beigemessen wird. Aber der Jahrgang 1967 wurde 2007 in China ja 41.
Das Interessanteste war jedoch der Kreis in dem er feierte. Da er eigentlich in einer anderen Stadt wohnt und dort seine Familie lebt hat er dann gestern mit einigen seiner Beijinger Freunden gefeiert. Das besondere daran ist, dass er Auslaender kennt und mit ihnen befreundet ist. Normalerweise vermischen sich Auslaender und Chinesen ueberhaupt nicht im Privaten. Die Sprache ist natuerlich ein Grund aber auch das generelle Konzept von Freizeit ist hier ganz anders.

Ich weiss, das ich gerade abdrifte, aber dies ist gerade eine Gelegenheit, eine Beobachtung anzumerken, die mich schon laenger fasziniert. Abgesehen von einigen reicheren Exemplaren haben die Chinesen naemlich meines Erachtens nach kein wirklich Bewusstsein von Freizeit und dessen Gestaltung. Da ich hier ein FSJ ableiste, esse ich in der JH und wohne auch in der JH. Da mein chinesisch immer noch nicht wirklich fuer laengere geistreiche Gespraeche reicht (wobei ich schockierenderweise oefters hoere, dass das generell ein Problem bei mir ist habe ich natuerlich Probleme, mit Chinesen, die in der regel kein Englisch koennen Spass zu haben.
Ich kenne aber einige Auslaender, mit denen ich mich manchmal treffen kann und am Wochenende ausgehe und lerne auch oft interessante Gaeste in der Herbergsbar kennen. Ausserdem versuche ich mindestens jeden 2ten Tag Sport zu treiben und halt irgendwie rauszukommen.

Aber meine Mitarbeiter sind da irgendwie anders. In der Freizeit, die Sie haben, gehen Sie meist immer zurueck an ihren Arbeitsplatz und unterhalten sich mir ihren Kollegen, die grade arbeiten. Ich habe es wirklich in 4 Monaten noch nie erlebt, dass Sie mit freunden irgendwohin gehen wuerden. Das hoechste der gefuehle scheint der Einkauf im Supermarkt zu sein, um neue Sachen wie Shampoo o.ae. zu kaufen. Ich sage nicht, dass Sie keinen Spass haben. Hier in der JH wird viel gelacht! Vielleicht liegt es auch daran, dass sie ebenfalls in der JH leben, aber ich habe noch nie erlebt, dass sie abends ausgehen, oder tagsueber was mit freunden ausserhalb der Jh machen, ja, um ganz ehrlich zu sein, mit Ausnahme meines Bosses habe ich hier noch niemanden Alkohol trinken sehen.

Insofern verlief der geburtstag, um jetzt mal nach diesem Umweg wieder auf die Haupterzaehlstrasse zurueckzufinden, besonders. Anfangen tat der abend naemlich mit einem schock! Normalerweise ist es so, dass Auslaender praktisch gar kein chinesisch sprechen, und verstaendigung mit chinesen insofern per se unmoeglich ist. Und ohne mich selbst zu loben spreche ich mich 2,3 Ausnahmen das beste chinesisch, das ich von einem Auslaender gehoert habe hier in China. Diese 2,3 Ausnahmen lernte ich an diesem Abend kennen. Es waren 3 Englaender und ein Australier, die alle mehr oder weniger im Hostelbusiness zu tun haben und somit meinen Boss kannten. Mit einer Ausnahme lebten sie auch schon ewig und 3 Jahre in China, und deswegen war es natuerlich logisch, dass sie gut chinesisch sprechen. Normalerweise wird diese logische These aufs tiefste erschuettert, wenn ich wieder mal ignorante menschen kennenlerne, die trotz jahrenlangem Aufenthalt nur ein paar brocken Chinesisch sprechen. Aber wie gesagt, an dem Abend wurde ich positiv ueberrascht.

Nachdem sich alle einfanden - Englaender sind naemlich im Gegensatz zu Chinesen und Deutschen sehr unpuenktlich (und ich bin mir hier der verallgemeinerung vollkommen bewusst) - gingen wir in ein kleines Restaurant. Und obwohl wir 5 Westler und nur 2 chinesen (der junior-boss war auch dabei) waren, unterhielten wir uns mehr oder weniger auf chinesisch und assen auch chinesischstyle. Das bedeutet: Der Gastgeber bestellt Unmengen an Gerichten, die dann recht schnell (man muss hoechstens 5 Minuten auf das erste gericht warten) kommen, bis der ganze tisch mit diversen tellern, schuesseln, Pfannen, Woks und anderen Kuechenbehaeltern, die halbwegs zur essensaufbewahrung taugen, uebersaeht ist. Dann wird reingehauen. sobald ein teller fast aufgegessen ist muss(!) ein neuer teller mit dem gericht nachbestellt werden. Weil nichts bringt einen schneller auf den Yin&Yang-Highway to Hell, als seine Gaeste nicht satt zu kriegen. Gesicht wahren heisst das auf soziokulturellem Fachchinesisch. Dazu kriegt jeder noch ein Bier und als i-Tuepfelchen noch Baijiu fuer die ganze Runde.
Mir ist bewusst, dass ich eigentlich einen ganzen Beitrag zum Thema Baijiu schreiben koennte, aber ich umreisse es nur mal: Baijiu, was man mit Reiswein oder Weisswein uebersetzen kann wird oft liebevoll als chinesischer-wodka-nur-doppelt-so-stark oder kurz fluessiger Tod bezeichnet und die Konsumenten, deren Geschmacksnerven dieses biologische Ethanol-Armageddon ueberlebt haben beschreiben den Geschmack als "Mischung zwischen Whisky und kerosin". Um es kurz zu sagen: Ein Nationalgetraenk mit Stil.
Leider verlaeuft das trinken nicht wie das essen. Beim essen ist man ja nicht gezwungen, mitzuessen. Hebt jedoch der Gastgeber (oder irgendwer anders) das Glas, dann heisst es "ganbei". Woertlich uebersetzt bedeutet das "trocken Glass" und gibt somit Aufschluss ueber die Bedeutung dieses Ausspruches. ich war jedenfalls froh, keine plaene mehr gehabt zu haben spaeter. Aber man hoert immer wieder von Geschaeftsessen, wo nicht-akklimatisierte, ahnungslose Westler bei geschaeftsmittagessen morgens um 11 zum ersten mal mit Baijiu konfrontiert werden und am Abend des naechstes Tages aufwachen und nicht mehr wissen, wo unten und oben ist und wenns schlimm kommt, sogar nicht mal mehr, WAS oben und unten ist.
Nachdem wir also ueberfressen und vollkommen leicht angeheitert zurueck zu unserer JH gingen ging die Party erst richtig los. Wir weihten unsere Bierzapfanlage ein, die ein zentraler Bestandteil meines zukuenftigen Abendprogrammes werden wuerde und dann wurde schoen weitergefeiert. Man koennte fast sagen, wir wollten die neue Anlage im Dauerbetrieb auf Herz und Nieren und dabei auch noch unsere Leber testen.

Bis jetzt war der Abend sogar noch chinesisch. Essen gehen und dann einfach weitertrinken. Aber irgendwann machten wir uns dann auf zu einer Bar. Eine Bar, wie ich sie noch nicht gesehen habe. Sie hiess Sports bar, und wenn eine bar so heissen darf, dann diese. In einer riesigen Halle gab es Live-Musik und verstreute Bars und ueberall dazwischen Sportanlagen. Kickertische, Tischtennis, Wandschiessen, ein eingezaeuntes Basketballfeld, eine eingezaeunte Baseballmaschine und noch viel mehr. Ich schaetze, man kann dort auch ohne alkohol spass haben, aber mit alkohol war das einfach nur der Börner. Es war sogar recht erstaunlich, wie koordinationsfaehig man(che) noch sein koennen nach soviel alkohol. Wir haben 2 gegen 2 basketball gespielt und eine lustige nacht gehabt, bis wir dann um 3 irgendwann nach hause sind.
Doch dann kam der Schock. Am naechsten tag um 7.30 morgens klingelt der Wecker!!!

Jedenfalls glaube ich, dass er geklingelt hat, aber als ich um punkt 10.30 sehr verkatert anderthalb stunden zu spaet zur arbeit erschien, war mir so, als waere irgendwann im traum ein klingelgeraeusch vorgekommen, was dann aus kulanzgruenden vom gehirn verdraengt wurde. Das Unglaubliche war, dass meine beiden Chefs, obwohl doppelt so alt, vollkommen vital vorm Computer sassen, sich des Lebens erfreuten und mich nur auslachten, als ich - so aussehend, wie ich mich fuehlte - ins buero schleppte.
Baijiuveteranen halt!

Ich weiss nur eins: Das schreit nach Revange!

7.1.08 17:36

bisher 6 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(7.1.08 18:10)
Herrlich!
Hab in Berlin zum ersten Mal Sake getrunken.
Is das in China auch so eklig wie hier? :P
Will ma in das Sportscenter da!
Und so nebenbei: Wenn die Chinesen nix anzufangen wissen mit ihrer Freizeit, warum gibts dann sowas wie diese Sportscenter?
Drück dich!
Milan/Pico


(8.1.08 03:42)
Sake ist uebrigens japanisch und hat nur ein viertel so viel alk glaub ich.
und die leute, die ins fitness studio gehen tragen oft nen anzug, haben also das geld und die zeit...
naja, vielleicht hab ich etwas uebertrieben und nur meinen unmut darueber zum ausdruck gebracht, dass es so schwer ist, mit den mitarbeitern mal was richtiges zu machen, wie eben rauszugehen...


micha (8.1.08 23:28)
Sechs Wochen war der Arme krank, jetzt schreibt er wieder, Gott sei Dank!
Herrlich, Janni. Aber das mit der Rache würde ich mir noch mal gut überlegen - die haben 20 Jahre Vorsprung im chinesischen Kampftrinken. Also Vorsicht. Und bei so viel Kerosin im Blut könntest Du evtl. sogar noch ein Jet-Lag bekommen!
Mach weiter - ich lechsze nach mehr!
micha


(9.1.08 13:31)
oh mein, micha. den hast du nicht ernst grade gebracht, oder? jetlag? naja, wenigstens habe ich jetzt die ultamtive gene-ausrede fuer unlustige witze:D


Pico (9.1.08 13:45)
Ohja, und für gezwungene Reime!
(Siehe Micha erste Zeile!) :P


micha (14.1.08 21:58)
Ihr seid doch beide Banausen. Das ist Wilhelm Busch, leicht abgewandelt. Aber bei dieser Jugend mit humanistischer Bildung zu kommen...ts,ts... Perlen vor die Säue, sag ich nur.
micha

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