Der Krieg ist vorbei!?

Heyho,

da melde ich mich mal wieder. Ich habe nicht viel zeit, weil ich noch mehr oder weniger aktiv meinen kater auskurieren muss! Ihr habt es erfasst, ich war wieder einmal mit meinem Boss, ein paar Freunden und einigen Flaschen Baijiu essen und dann noch mit besagten Freunden in einem Kneipenviertel fuer Expats. Expats ist das oft benutzte wort fuer Auslaender, die keine touristen sind, sondern hier leben und arbeiten. Es war wirklich komisch. Die kneipe hatte so ein europaeisches Flair, dass ich ich dachte, ich koennte in jeder X-beliebigen Studentenkneipe sein.

Aber eigentlich wollte ich gar nicht von meiner europaeischen nacht berichten. Sonst fangen meine Eltern noch an zu glauben, dass ich hier zum alkoholiker geworden bin. Was natuerlich stimmt, aber tun wir mal so, als ob nicht
Ein paar Leute (und ich moechte jetzt Niemanden anschwaerzen - ausser vielleicht Pico und meine Eltern um die Schuldigen beim namen zu nennen) haben mir gesagt, dass ich einfach was ueber mein Leben hier berichten soll, auch wenn es mal kein ausgekluegelter lustiger Geniestreich ist, der meine Deutschlehrer der letzten 13 Jahre Luegen straft.

Also tatarataa, hier bin ich, und schreibe ein bisschen was ueber...mein Leben. Das letzte Update kam ja aus Hinterwaldhausen alias Dali, Yunnan, wo ich vollkommen berauscht von der Beerdigung (eine so wahrscheinlich noch nie da gewesene Wortkombination) der Geilheit des Lebens huldigte.
Der Rest der Reise blieb ebenfalls auf hohem Niveau. Zumindest spitituell und landschaftlich.
Am naechsten schnappte ich mir ein Fahrrad um ein bisschen die Umgebung zu erkunden. Und obwohl es viel ueber Baustellen ging, wurde ich doch jedes Mal, wenn ich zur Seite schaute belohnt mit einem Blick ueber saftig-gruene Reisfelder, auf denen sonnengegerbte Suedchinesen mit den schoenen Rundhueten, die man aus dem Fernsehen kennt besagte Felder bearbeiteten. Aus Peking war ich gewohnt, dass das traditionelle China groesstenteils nur noch als Touristenattraktion ueberlebt hat. Insofern war ich bezaubert und waehnte mich in irgendeinem Traum. Ich muesste oefters mein Fahrrad abstellen und mich kneifen; HeiligeMutterMariaGottesunddiedreiheiligenKoenigezusammen-Donnerwetternochmal, es lebt ja doch noch, das China, das ich erleben will.
Weder Worte noch Bilder werden dem wahrscheinlich gerecht, aber da Bilder das wohl noch eher als Worte schaffen, hoere ich jetzt am besten auf, vor mich hinzulabern und sage nur noch: http://picasaweb.google.com/hoeferjan/Yunnan. Am Mittwoch ging es dann weiter nach Lijiang, sagenumwoben seit es chinesische Reisebueros gibt, aber fuer Pekinger Verhaeltnisse immer noch entspannt und untouristisch. Auf der Fahrt lernte ich einen Kanadier kennen, mit dem ich dann fast den Rest der Reise verbracht habe. Er lebt seit nunmehr 4 Jahren in China, die meiste Zeit davon in Taiwan, und war ein unheimlich interessanter Gespraechspartner, weil ich mir vorstellen koennte, einen aehnlichen Lebensweg (er ist 28) wie er zu bestreiten. Studium internationaler Beziehungen mit Politik/Wirtschaftsschwerpunkt und dann an nach China. Nicht, dass ihr euch jetzt bangt, mich nie wieder zu sehen; ich bin immer noch eher dazu geneigt, eine laengere Zeit in Deutschland zu leben, besonders Uni, aber es war interessant, zu sehen, dass es auch hier funktionieren kann.
Ausserdem hatte er mit 4 Jahren in China nochmal einen ganz anderen Einblick in die Kultur als ich mit meinen mageren 4 Monaten.
In Lijiang blieben wir in einem kleinen, gemuetlichen Gasthaus. Mama Naxis Gasthaus. Naxi ist die dortige Minderheit. Und Mama war wirklich ein treffender Name. Ein kleines Haeuschen im Naxistil, eine kleine, laute aber herzliche Mama und eine gemuetliche Atmosphaere. Wie als haette mein Koerper darauf gewartet meldete sich mein Magen, kaum dass wir dort angekommen waren. Und um eine Portion gesunde Doppeldeutigkeit hier reinzubringen: Er wollte fuer die naechsten Tage nicht die Klappe halten. Eine Lebensmittelvergiftung mittelschwersten Grades. Fuer 5 Tage konnte ich nichts, aber auch rein gar nichts zu mir nehmen. Ausser Cola. Juchey:/
Was aber auch ok war, weil erstens gutes Wetter war (Sonnenbrand auf der Nase Mitte Januar!!), die Stadt gut war fuer etwas wacklige Spaziergaenge (versucht mal, nach 4 Tagen absolutem Fasten ein laengeres Stueck zu laufen) und sich Mama gut um gekuemmert hat. "Junge, du musst was essen", "Iss deine Medizin jetzt" (3mal am Tag und "jetzt geh schalfen und kurier dich aus". Und da ich ja eh der Meinung bin, dass Yunnan mehr Suedostasien als China ist, gehoert eine gesunde lebensmittelvergiftung einfach dazu...stimmts, inge?
Doch irgendwann kam dann doch leider der Abschied und nach einer quaelend langen Busfahrt nach Kunming uebernachtete ich dort noch einmal in der JH vom ersten Tag. In welcher mein Pekinger Boss neulich scheinbar eine seiner "Franchise"-Bars aufgemacht hatte. Weswegen ich sogar einige der Mitarbeiter kannte (Die Mitarbeiter wechseln oefters ihren Arbeitsplatz um sich gegenseitig was beizubringen usw.) und die dortige Chefin mich auf ein paar Kaffees einlud um den crasy auslaendischen mitarbeiter kennenzulernen Nach einem weiteren Tag ausgiebigen Sonnens musste ich dann abends nach Peking zurueck. In die Kaelte. Von 25 Grad nach -8. Ha Er Em Pe Ef. Hrmpf
Nach einem turbulenten Rueckflug (was kein positives Adjektiv in der Luftfahrt ist), bei dem ich 2mal dachte, dass ich sterben wuerde, weil wir auf halber strecke ohne ersichtlichen Grund von 35000 auf 22000 Fuss runtergingen, um dann wieder hochzuziehen, kam ich vollkommen adrenalinueberladen in Peking an.
Der Rest ist dann schnell erzaehlt. Ich friere mir hier den Allerwertesten ab, arbeite wie ein Bloeder und schwelge in Erinnerungen an waermere Gefilde.

Nur eine Sache ist cool hier. Ich komme langsam in die sprache rein. Ich lerne hier wirklich nicht viel und habe auch nicht die zeit, hier einen sprachkurs zu belegen, aber in letzter zeit merke ich immermehr, wie ich mich mit leuten verstaendigen kann. Meine Bosse sprechen - wie ich bereits berichtete - kein wort englisch, was ein immer kleineres Problem wird, da ich immer mehr auf chinesisch ausdruecken kann. Dieser Boss hat mich nun zum chinesischen Neujahrsfast eingeladen, ihn und ein, zwei andere Bosse zu sich nach Hause in Xian zu begleiten. Das wird eine Mordsgaudi. Mit Betonung auf Mord. Eine Woche nur chinesisch sprechen Ich hoffe, das wird meinem chinesisch einen kleinen Schub geben und auch einen tollen Einblick in chinesische Kultur geben, falls wir bei ihm zu hause wohnen.

An dieser Stelle koennte ich jetzt sagen "Wuenscht mir Hals und Stimmbruch" und aufhoeren, aber wenn ich schon bei meinen Alkoholkonsumminderungsabsichten, gesunder Ernaehrung und meiner Sportmotiviertheit meiner Linie nicht treu bleibe, so will ich dies wenigstens hier in meinem blog tun und meine rituelle kulturelle beobachtung einbringen.
Die hat diesmal sogar nichts mit China zu tun.
Sondern mit mir. Da ich in einer JH lebe treffe ich fast jeden tag neue, interessante Leute, mit denen ich mich ueber Gott und die Welt unterhalte. Aber besonders auf der Reise in Yunnan habe ich eine Menge Israelis und Hollaender getroffen. Und das kann dann schon in krassen Gespraechen ausarten. In Deutschland werden wir konfrontiert und konfrontieren uns selbst mit unserer Geschichte. Was gut ist! Einige von euch haben wahrscheinlich auch schon mal Zeit im ausland verbracht oder zumindest Zeit mit Auslaendern verbracht. Und wurden in diesen Situationen nicht als Person, sondern primaer als Deutscher gesehen. Auch ich werde damit oft konfrontiert (zwar nur von anderen Auslaendern, da chinesen mehr oder weniger gar nichts ueber westliche Geschichte und sehr wenig ueber die kultur wissen, aber immerhin..), aber erst ein Gespraech mit den Israelis, deren gesamte Familien im Holocaust umkamen und der jeweilige Grosselternteil der oder die einzige in der Familie waren, die ueberlebten ist schon heftig. Aeltere Hollaender, deren Tanten und Onkels hingerichtet wurden, weil sie Juden versteckten; eine Polin, deren Grosseltern den Krieg zwar physisch ueberlebten, aber so viel durchmachen mussten, dass sie psychisch kurz vorm ende waren.
Wenn man direkt mit solchen Geschichten konfrontiert wird, dann fuehlt man sich schon immer noch schuldig. Umso schoener ist es dann, wenn der Kommentar von den Angehoerigen dann ist, dass Deutschland als Staat und Gesellschaft nach dem Krieg dazu stand, sodass man Ihnen jetzt vergeben koenne.

Das klingt eventuell nicht besonders, aber glaubt mir, in solch einer Situation fuehlt man sich schon schlecht und die spaete vergebung tut dann gut. Das ist umso interessanter, da hier in China eine aehnliche Situation vorherrscht, die allerdings ganz anders gehandhabt wird. Der Hass (die Woerter Groll oder Abneigung werden den Gefuehlen der Chinesen in ihrer Staerke nicht gerecht) gegenueber Japan und Japanern ist quasi omnipraesent. Es stimmt schon, dass Japan Grausames getan hat in Asien, aber dies ist genau wie im westen 60 Jahre her. Man muss zugeben, dass die chinesische Regierung nicht gerade versucht, diese gefuehle innerhalb der Gesellschaft zu zerstreuen. Im spaerlich unterrichteten Fach Geschichte kommen die Japaner nicht gut weg. Und die erfolgreichste Sendung im chinesischen Fernsehen ist ueber den 2. Weltkrieg in der die Japaner als die absolut Boesen und die Chinesen als die absolut guten dargestellt werden. Und fragt man einen chinesen, was er von japanern haelt, so schuettlet er den kopf oder sagt einfach nur: ich mag sie nicht/hasse sie einfach.
Ich habe schon mehrmals von befreundeten westlichen englischlehrern gehoert, dass viele kinder wissen, dass sie japan hassen, bevor sie schreiben koennen.
Selbst von meinem boss, den ich wirklich mag und mit dem man sehr viel spass haben kann bekomme ich manchmal einen kommentar a la "wir sind eine internationale JH und alle Nationalitaeten koennen hier uebernachten, aber japaner...ich mag sie nicht"
woran liegt das?
Der wahrscheinlichste Grund ist wieder einmal dieses verdammte Gesichtverlieren. Stolz erlaubt es der japanischen Regierung nicht, sich fuer die vorkomnisse im 2. Weltkrieg zu entschuldigen. Und in japanischen Schulen wird - so wurde mir aus erster hand berichtet - der 2. Weltkrieg nur sehr abstrakt behandelt und Japans Rolle fast gar nicht erwaehnt. Es wird noch sehr lange dauern, bis dort ein Umbruch passiert und sich Japan als Gesellschaft sein Schuld eingesteht. Die Haltung der Chinesen macht es allerdings auch nicht einfacher.

Da lobe ich mir schon, deutsch zu sein und teil einer gesellschaft, einer Nation zu sein, die international wieder akzeptiert ist.
Und damit nun wirklich ein verspaetetes "Auf Wiedersehen"!
Jan

1.2.08 07:39

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Niesi & Andi / Website (1.2.08 10:25)
Und wo sind die Fotos?

Fotos, Fotos, Fotos... ok, ich will nicht zu unhöflich sein... Fotos, Fotos.. OK

Gruß Niesi


(3.2.08 16:20)
das klang doch trotz nur der "beschreibung" deines lebens sehr schöön
wir sind grade vom bodensee wiedergekommen wo mir aufgefalen is wie lange wir da nicht mehr waren und mir dann erinnerungen gekommen sind wie wir beide uns da zusammen die manchmal langweilige zeit vertrieben haben..
liebe grüße dein schwesterherz

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