3 Minuten

Moinsen,

da melde ich mich mal wieder aus dem Land, wo...die Naturkatastrophen bluehen. Aus dem Land, was noch lange an den Folgen des Erdbebens zu zehren haben wird, da immer noch Zehntausende vermisst werden. Aus dem Land, in dem ich allerdings auch einen nationalen Zusammenhalt sehe, wie ich in selbst in meinem USA-Jahr wenig gesehen habe. Aus der immer noch fremden Welt. Aus China.

Ok, ich wollte das eigentlich gar nicht so poetisch anfangen, aber das irgendwie fand ich, dass diese Analogie (oder Anapher...oder wie auch immer dieses Stilmittelding heisst, wo alles mit dem gleichen Wort anfaengt. Haette ich gewusst, dass ich mal bloggen wuerde haette ich in deutsch wohl mehr aufgepasst..vielleicht doch schon meine turbulente Zeit hier beschreibt.

Ich glaube, ich brauche euch nichts ueber die Fakten zu erzaehlen, denn die duerftet ihr kennen, aber die Art, wie ich es unter all den Chinesen erlebt habe, finde ich wirklich interessant und aufschlussreich.

Alles anfangen tat es ja am Montag vor anderthalb Wochen mit der Schreckensnachricht. Wobei das Einzige, was ich die ersten zwei Stunden wusste, dass die Freundin meiner Mitarbeiterin bewackelt wurde im Hochhaus, aber erst nach und nach wurde das ganze Ausmass der Katastrophe klar. Zwar war gluecklicherweise keine Familie meiner Mitarbeiter betroffen, aber es breitete sich eine Anteilnahme und Trauer aus, welche schon erstaunlich ist, wenn man bedenkt, dass das Ereignis gut 2000km entfernt stattfand und einfach nur Landsleute betroffen waren. Das einzige Ereignis, was ich als Deutscher mit dem vergleichen kann war die Flutkatastrophe 2002 und selbst da - obwohl dies viel naeher war - tangierte mich das wirklich wenig und ich waere nie im Leben auf die Idee gekommen, Geld zu spenden, geschweige denn mich sonst zu engagieren.

Nicht so hier. Seit ca. 20 Minuten nach dem Beben wird auf praktisch allen chinesischen Sendern ununterbrochen ueber das Erdbeben berichtet. Es werden heroische Bilder gezeigt, wie Rettern/Helden gegen die gnadenlosen Maechte der Natur ankaempfen. Und auch eine Woche spaeter bleiben viele Leute davor stehen und gucken sich stumm die Bilder an. Am Tag selber verbrachten meine beiden Bosse den gesamten Tag vor dem Computer um sich durch Internetfernsehen weiter zu informieren, und als ich mich am Abend zu Ihnen ins Buero setzte waren beide den Traenen so nahe, dass es schon schauerlich war.

Public Viewing - ein Begriff, der fuer mich waehrend der WM gepraegt wurde erlangt hier nochmal eine ganz andere Bedeutung. So ist beispielsweise auf der grossen und beruehmten Einkaufsstrasse Wangfujing direkt ueber McDonalds eine riesiege Leinwand angebracht, die natuerlich seit dem Ereignis 24h am Tag ueber das Ereignis berichtet, und egal zu welcher Tages- oder Nachtszeit man dort hingeht...immer sind hunderte Menschen davor versammelt und gucken sich Bilder vom Ereignis an. Die Anteilnahme, die hier ueberall foermlich zu spueren ist, ist fuer mich fast atemberaubender als das eigentliche Disaster.

Am Donnerstag stellten wir dann in unserer Lobby eine Spendenbox auf und baten alle Gaeste, auch etwas fuer das Rote Kreuz su spenden, um den Landsleuten in Sichuan zu helfen. Und ausnahmslos jeder Mitarbeiter spendete einen beachtlichen Anteil. Meistens 10% des Monatsgehalts. Meine Bosse spendeten sogar 1000RMB. Und als ich am naechsten Morgen immer noch nichts reingetan hatte (wirklich eine Sache der Zeit als eine Frage des mangelnden Herzens) wurde ich von mehreren Mitarbeitern vorwurfsvoll drauf hingewiesen, dass ich als chinesisierter auch was spenden sollte. Obwohl fast alle Spenden nur von uns Mitarbeitern generierten, sammelten wir immer noch 4500 Euro an. Nicht schlecht fuer 30 unterbezahlte Chinesen. Ich finde, diesen - ja irgendwo ist es schon Patriotismus wirklich positiv. Wie das Land zussamenhaelt, sich gegenseitig unterstuetzt, ist schon erstaunlich. Negativ daran ist natuerlich, dass Stimmen die darauf hinweisen, dass es schon sonderbar, dass so viele Schulen und oeffentliche Gebaeude zusammenbrachen, waehrend Firmen dem Beben standhielten des Antipatriotismus bezichtigt werden. Aber es erklaert auch das Unverstaendnis und die Unakzeptanz von Separatismusbewegungen. Ich kann jeden Chinesen fragen, den ich will. Sie werden mir alle bestaetigen, dass die nationale Einheit das Wichtigste ist, und wenn man sieht, wie sie sich helfen, dann glaubt man das auch. Da kommt natuerlich sehr die Parteilinie durch, aber es ist nunmal dass, was (fast) alle Chinesen glauben.

Am Montag fing dann genau 168 Stunden spaeter um 14.28 eine dreitaegige Staatstrauer mit einer 3 minuetigen Schweigeminute an. Auch dies ein einpraegsames weil fast schon gespenstisches Erlebnis: Um 14.15 unterbrach ein 1,3 Milliardenvolk die Arbeit, um sich im Freien zu versammeln und den Toten zu gedenken. Alle Mitarbeiter der Jugendherberge und die 3 Gaeste, die den Hinweis gelesen hatten versammelten sich auf der grossen Strasse vor dem Haus. Neben uns stand die gesamte Belegschaft des 4 Sterne Taiwanhotels. Aus dem Massagesalon/Fruedenhaus kamen auch alle heraus und generell versammelte sich jeder und jede, die zu der Zeit grade in der Strasse war auf dem Buergersteig. Ich habe selten eine so grosse Menschenmasse gesehen, die einfach nur dastand - regungslos - und sich nicht bewegte. Um 14.28 blieb dann auch der Verkehr stehen. Doch anstatt den Motor auszustellen finden alle Autos an zu hupen. Es war ohrenbetaeubend, aber zerstoerte die Atmosphaere eigentlich ueberhaupt nicht. In einer Kultur, in der Feuerwerkskoerper zu dem Zweck erfunden wurden, um boese Geister zu vertreiben, ergibt es sogar Sinn. So standen wir da in diesem Schallinferno, einige fingen noch einmal an zu weinen und als es dann aufhoerte ging ein lautloses aber unbeschreibliches Zussamengehoerigkeitsgefuehl durch die Menge. Danach versammelten sich wieder alle, um im Fernsehen zu sehen, wie in allen Teilen des Landes diese Art der Staatstrauer abgehalten wurde.

Doch damit ist die Geschichte immer noch nicht vorbei. Beziehungsweise auf dem neuesten Stand. Die naechste Hiobsbotschaft kam gleich am Montag Abend. Nachdem alle dachten, es wuerde jetzt etwas abkuehlen sass ich grade in unserer Bar und unterhielt mich mit einem daenischen Freund, der 4 Wochen lang in der JH wohnte. Um 10 Uhr brach bei der grade arbeitenden Barmitarbeiterin Panik aus. Sie rief aufgeregt Leute an und wirkte auf einmal sehr aufgeloest. Als ich sie fragte, was denn los sei, sagte Sie, dass sie nicht wisse, ob es ihrer Familie gut geht. Wegen dem Erdbeben und so. Das fand ich 7 Tage spaeter etwas komisch aber ich wusste auch nichts damit anzufangen. Als dann aber gegen 12 ein anderer Mitarbeiter und guter Freund auch vom Buerotelefon versuchte, zu Hause anzurufen und ploetzlich in Traenen ausbrach, war das nicht mehr koscher. Als ich ihn dann versuchte zu troesten erfuhr ich, dass das Geruecht eines starken Erdbebens in Xian umging. Da viele Mitarbeiter (auch mein Boss, dessen Familie ich ja in Xian besucht hatte) aus der Umgebung kam war bei vielen die Hoelle los. Am Ende stellte sich heraus, dass es nur ein kleines Nachbeben war und alle - zumindest alle Mitarbeiterfamilien - in Sicherheit waren. Verstaendlicherweise war allerdings das schon strapazierte Telefonnetz in die Gegend zussammengebrochen, sodass viele erst am naechsten Tag erfuhren, dass nicht passiert war.
Am naechsten Tag sah man vielen Leuten an, dass sie die nacht nicht gut geschlafen hatten.

Es ist und bleibt hier in China also aufregend.
Gruesse ins wohl behuetete Deutschland!
Jan

23.5.08 10:06

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


(28.5.08 20:34)
das ist wirklich beeindruckend.. so kennt man das hier in deutschland einfach nich..

mal was ganz anderes!hast du jetzt eigentlich ein festes zimmer?oder wanderst du immer noch umher?:P
liebste grüße von deinem schwesterherz!
wie stehst eigentlih um dein visum?neuigkeiten?


jan (29.5.08 03:07)
Hey schwesterherz,
ich habe schon feste zimmer jetzt. das habe ich jetzt wirklich durchgesetzt. seit gestern habe ich sogar eins mit fenster
jupey.
visum weiss ich noch nicht. werde wahrscheinlich doch n visum kriegen, aber muss dafuer das land verlassen und das im ausland beantragen...
lg brudi

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